Donnerstag, 4. September 2008

Cotopaxi

Gestern lauerten mir vor dem Busbahnhof bereits einige schlechtgekleidete Herren auf. Sie wollten mich nach Banos, Guayaquil und sonstwo bringen. Dabei wollte ich nur ein paar Kilometer nach Süden die Panamericana runter. Der schmutzrote Bahnhof sieht aus wie ein heruntergewirtschaftes, mehrstöckiges Parkhaus mit ranzigen Imbisswaben, Plunderbuden und notdürftig verrammelten Kartenschaltern. Ich hole mir ein Ticket für drei Dollar nochwas.

Beim Einsteigen lese
ich dem Busbegleiter die Übersetzung meines Wunsches vor, an der Abzweigung zum Cotopaxi-Nationalpark auszusteigen. Eine Frau betritt den Bus und hält einen leidenschaftlichen Spendenaufruf für irgendeine Sache. Beim ersten Stopp laufen ganze Kolonien hellblau bekittelter Verkäufer durch das Gefährt: Es gibt Chips, Nüsschen, Feigen, kandierte Früchte, Fleischspieße und eine Zahnbürstenvorführung. In wackligen Bildern flimmert eine einheimische Kochsendung über den Bildschirm. Sie bereiten paniertes Schweineschnitzel und Gemüse zu. Zwischendurch sieht man in Großaufnahme, welche Konserven und welches Bratenfett die üppig dekolletierte Köchin verwendet. Statt durch Natur führt die 1 1/2-stündige Fahrt durch weitläufige Siedlungen und improvisierte Industrieanlagen.

Dort, wo mich der Fahrer rausl
ässt, steht tätsächlich der Wegweiser zu meiner Herberge. Vorbei an Schilf, Azaleen, schwarz-weißen Kühen und gemütlichen Lamas erreiche ich nach fünfzehn Minuten das Hotel "Cuella La Luna". Live sieht die Hazienda sogar besser aus als im Netz: dunkle Holzbalken und -dielen, Wände im warmen Farben, Holzofen und geschmackvolle Steinelemente.

Leider liegt das Luna etwas ung
ünstig hinter einem kleinen Nadelwald. Daher steige ich nachmittags durch blühende Heidelandschaften einen Hügel hoch, um den angeblich höchsten aktiven Vulkan der Erde, den Cotopaxi, zu sehen. Ich erblicke die dunklen Wolken, die an ihm hängengeblieben sind. An einem Vulkan, der aussieht, als würde er Regen ausstoßen. Als ich zum Hotel zurückkomme, lassen vier kleine Jungs mit großer Begeisterung Luft aus den Reifen eines Anhängers. Ein noch kleineres Mädel bewirft die vier mit Ziegelsteinen.

Im Luna sind busweise Franzosen untergebracht. Natur
gemäß treten sie in Rudeln auf, haben ein dolmetschendes Leittier, fabulieren in klangvoller Sprache und grüßen jeden mit "Bonjour". Näher unterhalte ich mich nur mit einem Engländer, der ab Mitternacht den Cotopaxi besteigen will, und einem jungen Paar aus dem Ziel aller Trecks nach Westen: Oregon. Ich habe einen Dorm, also Mehrbettzimmer, gebucht. Tatsächlich schlafe ich alleine in der großen Dachkammer.


Vulkansee nahe Cotopaxi.


Wunderschöne Grasaussicht in der Ästethik gealterter Postkarten.


Mittwoch, 3. September 2008

Cotopaxi II

... Dafür muss ich nun auch die Cotopaxi-Tour alleine machen -- zum einen, weil die Franzosen nicht aus ihrem Verband austreten, zum anderen, weil die Veranstalter darauf achten, dass alle Fahrer im Einsatz sind.

Los geht´s auf 3200 Metern neben dem Hotel. An der Panamericana steigt eine Einheimische mit Töchterchen zu.
Geschätzte zehn Landsleute folgen an einem Parkplatz; sie drücken sich auf Rückbank und Ladefläche zusammen. Den Eingang des Cotopaxi-Nationalparks flankiert der erste Stand mit Inkamützen. Für $10 Eintritt geht´s auf Schotterstraßen bergauf, vorbei an Kieferwäldern, Farnen und Lavafeldern. Auf 3600m werden die Mitfahrer von einem einzigen Mann abgelöst, dem Bergführer Tomas, wie sich herausstellt. Auf einen mit Flechten und Blüten übersähten Canyon folgt auf 3800m ein friedlicher Gletschersee. Allmählich nimmt die Vegetation dann doch ab, und der Cotopaxi zeigt ein paarmal seinen gleichmäßig weißen Kegel hinter den Wolken.

Auf 4500m erreichen wir den Parkplatz; sogar dickbereifte Busse schaffen es hier herauf. Ziel des folgenden Aufstiegs ist das Refugio Jose F. Ribas, das steinerne Basislager f
ür den Gipfel (5897m). Zu Beginn lasse ich Robert und Tomas stehen. Robert bleibt bald ganz zurück, aber Tomas ist im letzten Drittel doch schneller als ich, da in dieser Höhe der Atem meinem Gehtempo nicht mehr hinterherkommt. Der zwischenzeitliche Hagelschnee löst sich auf, und der Cotopaxi wird immer greifbarer. Es ist frisch, aber mit geschätzten fünf Grad C. nicht wirklich kalt. 4800m, mein persönlicher Höhenrekord (3600m, Jungfrausattel) wird hier im Schnee pulverisiert.

Im Refugio gibt es Erinnerungs-T-Shirts und sch
önen Eistee. Der entspannte Tomas bringt mich zu einem Aussichtsvorsprung, wo ein kleiner Wolf über rote Lavasteine spaziert. Er ernährt sich von Kaninchen, erklärt mir Tomas.

Danach geht`s durch weitere Landschaften, die man mit S
üdamerika in Verbindung bringt: ein wunderschönes, von einem Fluss geteiltes Hochtal vor einem Viertausender, saftgrüne Hügel, Wildpferde, hoppelnde Kaninchen, die noch keinem Wolf begegnet sind, und blütenbestickte Strohgrasfelder. Danach eine enge, romantische Schlucht, an deren Ende wir uns bis auf 30m einem riesigen Geierhorst nähern. Zwei Bewohner haben wir gerade wegfliegen sehen.

Das Spätmittagsmenu auf der Rückfahrt ist eine apart gewürzte Bananensuppe, ein Schweinesteak, das ich als Huhn bestellt hatte, und Coca-Tee, dessen Geschmack in seiner dezenten Strenge leicht an Mate erinnert.


Knapp über mir: der Cotopaxi.


Und darunter: ich.




Dienstag, 2. September 2008

A Banos

Beim Frühstück erfahre ich, dass mir gestern abend, während des Blog-Schreibens, ein Festmahl entgangen ist: Riesenmeerschwein, wie Spanferkel am Stück aufgetischt und in Scheiben geschnitten. Jemand aus der israelischen Reisegruppe (die ich bisher nicht erwähnt hatte) muss Geburtstag gehabt haben. Sehr religiös scheinen die nicht unterwegs zu sein.

Ich stelle mich an die Panamericana, um einen Bus nach Banos anzuhalten. Eine Praxis, die ich auf der Herfahrt beobachtet hatte. Ich hebe den Daumen. Nachdem einige Busse vorbeigerauscht sind, erklärt mir ein auf Touristen aus Quito wartender Fahrer, was Daumen heben in Ecuador bedeutet: "gratis". Dabei würde ich die paar Dollars für den Bus anstandslos zahlen. Ich winke mit dem Unterarm, wie der Fahrer es mir vormacht. Es vergeht eine Stunde, die Busse sind zu voll. Dabei würden die Fahrer den Preis bar kassieren und wahrscheinlich in die eigene Tasche wirtschaften. Ich mache mit einem anderen hinzukommenden Fahrer aus, dass er mich in einer halben Stunde für zehn Dollar zum Busbahnhof nach Latatunga bringen darf, wenn ich bis dahin noch immer hier herumstünde. Zwei Minuten vor Ende der Frist hält von selbst ein Bus.

Ich bin dankbar für den Stehplatz neben einem Sack Reis, einem Karton Blätterteigtaschen und einer jungen Frau, die ihren Säugling an die Brust drückt. Aus dem Radio klingt eine herzerreißende Männerstimme: "Estoy Cruzificado", "ich bin krutzifiziert", oder so. In Latatunga erfahre ich, dass man nur über die Industriestadt Ambato nach Banos kommt. Auf der Fahrt sind vier längliche Cuys (Meerschweinchen) an der Straße zu sehen, die am Spieß um einen Grill gedreht werden. Köpfe und Pfötchen noch gut zu erkennen. Vom Terminal Terrestre (Busbahnhof) in Ambato fährt kein Bus nach Banos, wie mir der Typ am Schalter erklärt; ich habe ihn beim Studium eines Pornohefts gestört. Ein Paar begegnet mir, es will erfahren haben, dass es für Banos einen eigenen Bahnhof gibt. Die beiden waren gestern auch am Cotopaxi. Das Mädel kam mir bereits dort bekannt vor. Ich habe keine Ahnung, woher. Die beiden sind aus München. Hm. Wir teilen uns ein Taxi.

Nach Banos geht es vorbei an kitschigen Marienkapellen, sattgrünen Felsenschluchten -- immer wieder von Furchen durchzogen, die Lava in den Boden gegraben hat.

Banos ist ein quirliger Marienwallfahrts- und Heilquellenort, eng umschlungen von nebelverhüllten Bergen. Überall Internetcafes, Läden mit Original Inka-Umhängen, Herbergen ("Hotel Düsseldorf", "Hotel Bar Restaurant Les Alpes"), bunte Bretterstände, improvisierte Reisebüros und Cuy-Grillbuden. Kurz gesagt: der ideale Ort für das Kommende. Eigentlich wollte ich bei dem Couchsurfer Daniel unterkommen, aber er mochte mir weder seine Telefonnummer verraten, noch, wann ich kommen könne. Außerdem scheint mir seine Adresse unvollständig zu sein. So checke ich erstmal im "Hostal Santa Cruz" ein.

Gegen drei geht`s zum Mittagessen in einen Einheimischen-Schuppen. Die resolute Wirtin rattert Hauptgerichte und Beilagen herunter. Kein Wort verstehend sage ich hin und wieder "Si". Während ich aufs Essen warte, läuft im TV eine Kindersendung. Es moderiert ein Typ, der aussieht wie ein rothaariger Marilyn Manson in Star Wars-Uniform mit Pfauenfedern auf dem Rücken. Als die Wirtin eine halbe Stunde später, mich geflissentlich ignorierend, selbst zu essen beginnt, frage ich doch mal nach dem Verbleib meiner Mahlzeit nach. Sie behauptet, ich hätte nur den Fruchtsaft bestellt, den ich trinken würde. Ich fange laut zu streiten an. Was jedoch an der Sprache scheitert. Woanders gibt es Loma, d.h. Lendensteak, mit Fritten und Kichernerbsensalat. Auf dem Rückweg klappere ich alle vier Fotogeschäfte der Stadt ab, aber keines hat das richtige Papier, um Filme von Kodak-Wegwerfkameras zu entwickeln.

Über den Abend gibt es folgendes zu berichten: sehe Panflötencombo in der Pizzeria "Bon Giorno". Probiere an einem Straßenstand grüne Streifen, erinnern in Geschmack und Konsistenz an Calamares. Bekomme zu vegetarischen Tacos ein Körbchen Popcorn serviert. Währenddessen läuft ein Konfektverkäufer durch das Restaurant, und die Inka-Combo aus der Pizzeria spielt auf. Im Refrain des ersten Liedes kommt "Ecuador" vor, der des Zweiten lautet schlicht "Ho!". Sehr stimmungsvoll. Danach ziehe ich noch etwas um die Häuser. Schon um 10h wird getanzt. In dem ersten Laden, den ich betrete, bin ich der einzige Gringo und hebe das Durchschnittsalter mit meinem Erscheinen um mindestens ein Jahr. Später wird es nicht besser.



Vulkanspuren.


Andenhotel I.


Andenhotel II.



Montag, 1. September 2008

En Banos

Daniel antwortet mir auf mein Ansinnen, ihn zu treffen, ich sei jederzeit in bei ihm willkommen. Nur könnten wir uns im Moment nicht sehen, da er gerade außerhalb des Landes weile. Hm. Ich treffe Barbara und Ingo wieder, das nette Paar aus München. Ihnen geht es hier zu Mallorca-artig zu. Sie leihen sich Räder aus, um bergab nach Puyo Richtung Dschungel zu radeln. Das Gepäck wird für sie hingebracht, die Räder gehen später den umgekehrten Weg. Sie empfehlen mir das "Casa Hood" zum Frühstücken. Es ist sehr gemütlich und angemessen schnoddrig. Dort lerne ich einen zurückgelehnten Herren aus Kalifornien kennen. Wir unterhalten uns über Biertraditionen im Vergleich Bayern vs. USA. Er erzählt mir, dass die US-Budweiser-Brauerei gerade von einem belgischen Großbrauer aufgekauft worden ist. Bleibt zu hoffen, dass die Belgier die Rezeptur dem tschechischen Original angleichen.

Die "Basilica de Nuestra Senora del Agua Santa" heißt so, weil einst die heilige Jungfrau das Lava-Mineral-Wasser vom Stadtvulkan Tungurahua in Weihwasser verwandelt haben soll. Gerade ist Messe, die Menschen beten dem orangerot-goldenen Altarhintergrund entgegen. Riesige Gemälde dokumentieren Mariens Wundertaten, und eine wunderschöne Frauenstimme intoniert ein schönes, sehnsüchtiges Lied, das jedoch ziemlich an "El Condor Pasa" erinnert. Das angegliederte "Museo Fray Enrique Miderus" bietet eine reichhaltige Kuriositätensammlung: bunte Marmortafeln mit Marienwundern, kindlich gemalte Heiligenbilder, rosa Hochzeitspuppen im Barbie-Stil, simplifizierte Inkakunst-Nachempfindungen, bestickte Kleider in hanebüchenen Farbzusammenstellungen, eine Jesusfigur, der die Hände abgehackt sind, eine Porzellan-Omi mit Strickzeug und die komplette Fauna Ecuadors in ausgestopfter Form.

Ich probiere "Alfenique", Konfektriegel, aus dicken Schnüren gewonnen, die tagelang neben der Auslage abhängen, ehe sie die richtige Konsistenz haben. Dabei wird die gummiartige Masse gedehnt, gedreht und mit Schmackes gegen durchschnittlich schmutzige Hauswände geschlagen.

Mittags ist es dann soweit. Eigentlich wollte ich gestern schon Cuy probiert haben, aber alle Grillmeerschweinchenbuden hatten abends geschlossen. Doch nun muss das possierliche Tierchen dran glauben. Ich betrete ein wohnzimmergro
ßes Lokal, vor dem sich bereits gar aussehende Exemplare um den Spieß drehen. Die freundliche Wirtin plaziert mich an einen Plastiktisch, wo sich schon eine Familie die Spezialität schmecken lässt. Das Schweinemärchen wird serviert mit Kartoffeln und Reis. Die goldgelbe Hautkruste des halben Tiers auf meinem Teller erinnert an Ente. Kopf, Augen und Gebiss sind gut zu erkennen. Am Mittelstück hängt noch eine Kralle dran. Das ganze für hier dekadente $7. Man isst mit den Händen, denn als Besteck ist nur ein Löffel vorgesehen. Geschmacklich ist die Delikatesse irgendwo zwischen Spanferkel und Kaninchen angesiedelt. Hervorragend.

Nachmittags möchte ich eigentlich bergsteigen, aber es sind mal wieder zuviele Wolken unterwegs. So ziehe ich die Wellness vor. Die "Piscinas de la Virgen", die Jungfrauenthermen, liegen unterhalb eines 200m hohen Wasserfalls. Indianisch aussehende Menschen mit bunten Traditionsumhängen und dunklen Hüten warten vor Umkleideboxen. Auch hier bin ich der einzige Gringo. Für $2 Eintritt am Wochenende ($1 unter der Woche) nimmt man sich eine Plastikkiste für Kleidung und Habseligkeiten. Dass man diese wegschließt, ist allerdings nicht vorgesehen. Vor den Umkleiden geht rein gar nichts voran, und in den Thermalbecken tummeln sich fünfmal soviele Leute wie drin sein dürften, damit die Sache etwas mit Erholung zu tun hätte. Daher gehe ich dann doch in ein gepflegtes Hotel.

Wieder Plastikk
örbe, die man hier allerdings wegschließen kann. Doch einige der dafür vorgesehenen Holzklappen sind so ausgeleiert, dass sie sich nicht absperren lassen. Wieder nur Einheimische. Dafür gibt es Grapefruchtsaft gratis. Bei der Gelegenheit muss ich mal erwähnen, dass man in Ecuador überall fantastischen Saft aller erdenklichen Früchte bekommt. Der Bademeister erklärt mir, dass in ecuadorianischen Saunas die Badebekleidung anbleibt. Andererseits legt man hier kein Handtuch unter. Die Saunabänke sind selbstzusammengenagelte Bretter, beim Draufsetzen bewegen sie sich vorwärts. Mit 68 Grad ist die Sauna wohltempiert -- wie das Eisbecken, das von den Ecuadorianern ignoriert wird. Dafür sitzen diese stundenlang im Thermalwasser. Seine Wirkung besteht allein in schrumpelnder Haut. Vielleicht muss man an die Sache mit Maria glauben, damit sich mehr tut.

Im "Cafe" (nicht "Casa") "Hood", läuft abends abgezockter Dub, der indische Elefantengott Ganesha bedeckt eine ganze Wand, und ich esse eine "Ecuadorplatte": gebackene panierte Kartoffelpuffer, Spiegelei, Mais, Avokadosalat und Blaukraut, das nach Zitronengras schmeckt. Am besten ist die gazpacho-artige, scharfe Würzpaste. Dazu spielt eine neue Panflöten-Combo. Nach einem Instrumentalstück und einem kolumbianischen Lied bedanken sich die vier fünfsprachig für den sachlichen Applaus; in ebensovielen Sprachen können sie das Wort "Trinkgeld". Lustig ist die finale Inka-Interpretation von "Lambada".

Die Partystraße "Eloy Alfaro" ist sonntags wie ausgestorben. In der Bar "Mocambo" probiere ich den in dieser Gegend gebrannten Zuckerrohrschnapps mit dem schönen Namen "Necta". Er schmeckt weniger nach Honig als nach Schnapps. Rafals Engel, im Original in den Alten Meistern in Dresden zu sehen, rauchen hier an der Wand eine Fluppe. Als Schlummertrunk nehme ich einen "Volcano" -- einen Cocktail im Schnappsglas aus "Licor de cana" (Schilflikör), Minze und Grenadina. Das oben grüne und unten rote Getränk wird flambiert, brennt zwanzig Minuten lang, bis ein guter Teil verbrannt ist. Und schmeckt wie aufgewärmte Lava.

Heilige Familie.


Voila: Gegrilltes Meerschweinchen (cuy, hervorragend!)


En Banos II

Wäschewaschen auch Dschungeltouren angeboten. Später fällt mir ein, worin die Synergie besteht. Ich habe eine Tüte Schmutzwäsche sowie eine selbstgewaschener Sachen, die nicht trocknen wollen. Nachdem ich den beiden netten Waschdamen mein Anliegen fünfmal vorgetragen habe, kommen wir ins Geschäft.

Mit dem Spanischen ist`s überhaupt so eine Sache: Es gelingt mir durchaus, mit Hilfe meines Lexikonwürfels Fragen zu stellen, allein ich verstehe die Antworten nicht. An dieser Stelle muss ich aber mal die Ecuadorianer loben: Sie sind nett, hilfsbereit und vor allem unaufdringlich. Obsolete Dienstleistungsangebote wie Schuhputzen halten sich in Grenzen.

Von Banos (1800m) mache ich mich auf, den Hügel "Las Antenas" (geschätzt 2600m) hinaufzugehen -- laut Reiseführer der ideale Ausgangspunkt, um den Hausvulkan Tungurahua (5023 m) zu sehen. 1999 musste Banos evakuiert werden, als der Tungurahua Asche warf. In der Folge bewachten Soldaten die Stadt, und weil ihnen die Zeit lang wurde, holten sie sich Nutten hinzu. In der Stadt hängen noch Bilder vom letzten kleinen Ausbruch im August 2006. Auf dem Weg zum Aufstieg komme ich an einer Auslage vorbei, in der die Figur einer barbusigen schwarze Bronzeschönheit neben der heiligen Jungfrau steht.

Der Weg zu "Las Antenas" führt vorbei an Eukalyptusbäumen, vereinzelten Kühen, Eseln, Pferden, Mulis, Behausungen, die "Ranchos" heißen und zwei azurrblauen Vögeln. Für den 7,5 km-Aufstieg sind 2 1/2 Stunden vorgesehen. Mir ist nach etwas Sport, 1 1/2h später laufe ich die letzte Serpentine hoch. Denke ich. Zwar sind hier Sendeantennen, doch weit und breit kein Vulkan. Nur Wolken und hinter dem Hügel ein neuer Hügel. Vielleicht ist im Reiseführer mit Aussichtspunkt dieser Hügel gemeint. Vielleicht sind auch die Ecuadorianer gut zu Fuß, und ich muss wirklich noch eine Stunde laufen. Erstmal geht es dreißig Minuten bergab. Knapp unter den Wolken kreist ein Adler. Dass nur ich hier wandernd unterwegs bin, muss ich gar nicht erwähnen. Nach 2 1/2h habe ich mir eine fiese Blase in den Fußballen gelaufen. Ich öffne sie mit meinem Hotelschlüssel. Nach 3h taucht ein neuer Hügel auf, sicher noch eine weitere Stunde weg. Die Aussicht, die sich dann endlich im Dunst auftut, besteht nur aus Tälern und mittelprächtigen Bergen. Kläffende Köter verteidigen verstreute Rindviecher.

Während des Abstiegs verziehen sich einige Wolken. Mir gegenüber, am Rande des Tals, in dem Banos liegt, tut sich ein mächtiger Berg auf. Den Gipfel des Tungurahua, der weiter von Dunst umgeben ist, schaue ich mir später im Internet an.

Nackt stehe ich im Bad, um zu duschen. Es klopft. Notdürftig ziehe ich mir etwas über und öffne. Vor der Tür meines Hotelzimmers hat sich die gesamte Belegschaft von "Laundry Nicole" aufgereiht. Ich hätte gerade beim Abholen meiner Wäsche zuwenig entrichtet, meinen sie. $1,50 für die Tüte Kleidung, die sie nur getrocknet hätten, gingen ab. Ich zahle und dusche, bevor ich mich trockne.


Ein Affe.


Kleingewerbe.


Sonntag, 31. August 2008

Dschungelcamp

Am Mittwoch, vorgestern, fuhr ich dann ins Dschungelcamp.

Für die Tour "Jungle Extreme" gibt's Gummistiefel, Regencape und später noch einiges mehr. "Soy Gringo Aleman", stelle ich mich Paolo, dem Guide für heute, vor. Er erklärt mir, dass der Ausdruck "Gringo" aus dem Vietnamkrieg stammt, wo der Angriffbefehl der US-Amerikaner gelautet habe: "Green go!". Irgendwo hatte ich das schon mal gehört. Ohne Paulo, aber mit Paula und drei anderen entspannten Spaniern, Sebastian, Raul und Laeticia, den sanften Schweizern Lea und Daniel, sowie vier Guides geht's los. Die Fahrt bergabwärts nach Puyo wird aufgelockert mit Kokolores wie Bungee-Jumping (bekomme von solcherlei nur Albträume) und der Überquerung einer Schlucht mittels elektrisch angetriebenem Rostkäfig. Hinter Stolperschwellen und einer Holzbrücke, bei der schon ein paar Leisten fehlen, beginnt das Rafting im Rio Negro. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit bei solchen Gelegenheiten gehöre ich nicht zu denen, die die Stromschwellen von unten testen.

Nach dem Mittagessen erreichen wir das Dschungelcamp im Reservat "El Parvenis" etwa 30km südöstlich, vermute ich, von Puyo. Pfahlhäuser mit Strohdächern, kleine Affen und kopulierende Plüschhunde begrüßen uns. Und um alldem ein botantischer Garten, der keine Grenzen zu haben scheint, wie sich auf dem anschließenden Spaziergang herausstellt. Wenn mich jemand fragt, wie's im Dschungel aussieht: Es ist ziemlich grün. Wir überqueren eine wichtige Termiten-Handelsstraße. Nach dem Bad unter einem 30m-hohen Wasserfall wird es langsam dunkel. Unser Guide Romulu (keiner der vier aus dem Auto) flechtet für die Mädels Haarkränze aus Farngräsern und malt ihnen mit dem Rot einer Stachelfrucht ein indianisches Muster auf die Wange. Er erklärt uns das aus roten Stengeln gewonnene Halluzinogen Ayaguasca. Bald fliegen uns neongrüne Glühwürmchen um die Ohren.

Beim Abendessen sitzt schon eine Gruppe junger überdrehter Amerikanierinnen am Nachbartisch. In jedem ihrer Sätze kommt mindestens ein "Oh, my gosh", "You guys" oder "Hey, dude" vor. Später verkürzen sie uns die Nacht, in dem sie den Dschungel mit Chartmusik beschallen. Dabei machen all die Grillen, Vögel und sonstigen Tiere hier schöne Musik. Bei der Gelegenheit kann ich meinen mäßig originellen Satz "Mallorca es una provinvia allemana" anbringen; die Spanier stimmen zu.

Im Dschungelcamp gibt es keine Promis, dafür Stockbetten, Klos und sogar eine Dusche. Auch die Moskitos halten sich zurück. So richtig extrem ist das noch nicht.

Die Spanier übersetzen netterweise meine Beschreibung des jährlichen Karl-May-Fests in Radebeul bei Dresden für den Indianer Romulu: Tausende deutsche Native Americans, die beispielsweise eine Nacht lang am Fluss trommelten. Ich erzähle von Winnetou, Old Shatterhand und Gebräuchen wie Blutsbruderschaft. Zum Abendessen gibt's Spaghetti. Hasta la pasta.


Beim Frühstück isst ein kleiner Papagei mit. Er kann nicht fliegen, da ihm die Hunde die Flugfedern abgenagt haben. Heute laufen wir in Gummistiefeln los. Jogger kommen uns entgegen. Es handelt sich um Frau, Tocher und Kusine von Romulu, sie wollen uns begleiten. Von den folgenden drei Stunden Marsch durch Urwald und Schlamm ist zu berichten: Handgroße Schmetterlinge; eine Blüte, die, wenn in den Mund genommen, einem kleinen Mädchen Schmolllippen verleiht; eine Spinne, die sich von allen Seiten eingesponnen hat; ein Pilz, der aussieht wie ein Silikonimplantat. Romulus erklärt uns, wie man aus Schilf Rucksäcke und schicke Handtaschen bastelt (letztere werden am folgenden Tag mit dem nächsten Guide tatsächlich hergestellt). Dann geht's je nach Körpergröße knie- oder bauchtief im Wasser einen Bach hoch -- diesmal zu einem Wasserfall, bei dem ein Baum mit vorspringendem Ast als Sprungturm dient. Auf dem Rückweg testen wir eine Tarzahnbahn in Form einer Liane mit Schlinge dran. Wir beobachten Insekten, die sich gegenseitig im Lehm vergraben und faustgroße Grashüpfer. Zu Mittag gibt es eine nach Spargel schmeckende Suppe, in die Croutons in Gestalt von Popkorn getaucht werden. Diesmal möchte ein Äffchen mitessen.

Nachmittags nehme ich die medizinische Hilfe unseres neuen Guides Angel (m, spanisch ausgesprochen) in Anspruch, denn meine Blase am Fußballen ist im Schlamm größer und schmutziger geworden. Er verwendet schulmedizinisches Desinfektionsmittel; ich hatte gestern Aftershave genommen. Außerdem befindet sich Kräutertee in seiner Medizintasche. Ich erkläre dem Nachkommen der Ureinwohner von hier das deutsche Sprichwort: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz."

Über eine Rostplattenbrücke betreten wir das Indianerdorf Cotocotcha. Eine 60qm-Hütte dient gleichzeitig als Kindergarten, Schule und Souvenirgeschäft. Stillende Mütter führen vor, wie man aus Lehm eine Schüssel herstellt, sie färbt und verziert. Außerdem kann man Halsschmuck, Holzmesser, Buschhörner kaufen und sich temporäre Henna-Tattoos machen lassen. Wir lernen, wie Bananenernte funktioniert, und wie man aus bestimmten Ästen Schamamensaft gewinnt. Aus den Blättern der Pita-Pflanze basteln wir Kordeln, die noch eine Rolle spielen sollen.

Abends tauschen wir spanisches und deutsches Liedgut aus. Entgegen meiner bisherigen Annahme ist "Eviva Espagna" kein rein deutscher Schlager. Auf die Nachtwanderung verzichte ich wegen Fußkrankheit.


Am morgen des letzten Dschungeltags entdecken wir am Rio Puyo, an dem das Camp liegt, eine weiße Bergspitze, die sich majestätisch aus der grünen Botanik erhebt. Es ist der Vulkan Sangay (5230m), sagenhafte 4400m höher gelegen als das Camp. Beim Frühstück erzählen die Spanier von einer Busfahrt zur Küste herunter, bei der während jedem Bremsmanöver ein Marienbild aufgeleuchtet habe.

In Originalindianerkanus gleiten wie den hübschen Rio Puyo Richtung Sangay herunter. Angel besteht darauf, dass der Berg noch um 400m höher sei. Nach einer ausgiebigen Schwimmeinheit wartet das Kanu hinter Stromschnellen auf uns. Ich kann mich an großen Steinen festhalten. Wir stiefeln bergaufwärts, wo die Straße liegen muss. Bei einem Weiher schlage ich vor, dass hier Krokodile leben könnten. Tatsächlich taucht ein 2m-Alligator auf. Sein 3m-Kollege lässt sich leider nicht blicken. Hier im sekundären (also jüngeren) Urwald gibt es ansonsten kein Großwild. Während des weiteren Aufstiegs schnitzt Angel Muster in die kleine Nuss einer Palme und macht ein Loch hinein, das für die Kordel von gestern vorgesehen ist und insgesamt eine Halskette ergibt.

Der letzte Aufstieg auf den Aussichtshügel, von dem aus man die gesamte Tour-Landschaft sieht, tut meinen inzwischen mannigfaltigen Blasen nicht gut. Nach dem Test eines Grippemittels -- seine Wirkung erinnert an starken Schnupftabak -- werde ich zum Objekt einer naturmedizinischen Demonstration: Angel ritzt einen weißen Drachenbaum auf und streicht das rote Harz auf die Stellen, wo eigentlich Haut sein sollte. Es zieht mir die Wunden zusammen, doch es brennt weniger als Alkohol. Psychologen nennen das allgemeine Mitleid, das mir zuteil wird, "sekundären Krankheitsgewinn". Den finalen Abstieg zum Auto mache ich mit Schuhen aus Blättern, die mit Zweigen um die Füße gebunden werden. Im Auto läuft rustikaler Heavy Metal. Wenn das kein Abenteuer ist.


Rio Puyo mit Vulkan Sangay im Hintergrund.


Die Spanier beim rudern.


Papagei (rechts), ich (links).

Samstag, 30. August 2008

Nach Riobamba

Als ich aufwache, ist es schon viertel nach zehn. Ich beeile mich mit Duschen und Anziehen. Merkwürdigerweise sind überall in der Stadt die Rolläden heruntergelassen. Am Freitag? Ein Angestellter meines Hotels "Plantas Y Blancos" fegt die Straße. Sicherheitshalber frage ich ihn nach der Uhrzeit. Sechs Uhr 45, meint er. Meine Uhr muss gestern abend stehengeblieben sein.

In neunzig Minuten bin ich über den Umweg Ambato am Ostbahnhof von Riobamba. Der Richtung folgend, wo die Geschäftsdichte zunimmt, finde ich das Zentrum. Eine quirrlige Großstadt ist das hier, in der sich Essens-, Kommunikations- und Gemischtwarenläden aneinanderreihen. Bereits der erste Fotoshop, den ich betrete, möchte meine Filme entwickeln. Eineinhalb Stunden später sind die Bilder fertig. Sie haben die Ästhetik gealterter Postkarten. Ich hätte meine Cybershot
besser aus dem Flugzeug mitgenommen. In einem der unzähligen Cafes mit einer Raumhöhe von 1.60m und niedriger stoße ich (1.87m) mir ordentlich den Schädel an.

Ich komme bei Wladimir an, der das Couchsurfing-Treffen beherbergt. Er ist 25 und hat schon seine eigene Ökotourismusfirma. Sogleich erzählt er mir, dass meine Dschungeltour Mainstream-Quatsch war. Tendentiell hatte ich das ja schon vermutet. Richtiges Leben gebe es nur im primären Urwald, wo über 30m hohe Bäume Raum für Biodiversität schafften.
Bei der Organisation des Couchsurfing-Treffens hätten einige gegeneinander gewirkt, weshalb weniger Leute kämen als geplant.

Es finden sich dann doch immerhin fünfzehn ein, die folgenden Volksgemeinschaften sind vertreten: Ecuador (7), USA (3), Frankreich (2), Schweiz (2), Deutschland (1). Abends speisen wir in einem echten TexMex-Lokal. Bei den Leuten, die ich über Couchsurfing treffe, wird mir regelmäßig die Ausbaufähigkeit
meines Lebens bewusst: Zum Beispiel schreibt Joshua aus Oklahoma dauerreisend und stressfrei für einen neuen Reiseführer und könnte nicht nur optisch in "Fear and Loathing in Las Vegas" mitspielen. Boris aus Paris ist individuell nach Machu Pichu hochgelaufen, und Felipe aus San Francisco denkt sich in Quito Drehbücher aus.


Tote Sau mit Mordwaffe.


Freitag, 29. August 2008

Riobamba

Um sieben brechen wir auf, um zunächst am Markt von Riobamba ein traditionelles lokales Frühstück einzunehmen: Schweinebraten von einer Sauen, wie sie hier (wie überall in der Stadt) ungezählt im Ganzen gebacken auf den Theken liegen. Dazu trinken wir den Saft von Baumtomaten. Ein älterer Herr trägt ein geschätztes Dutzend ganzer, garer Schweinshaxen unter den Armen. Mein bisher bestes Urlaubsfoto zeigt eine Markfrau, ein appetilich vor ihr liegendes gebratenes Schwein und diverse Marienfiguren an der Wand dahinter.

Danach geht`s mit einem Kleinbus zum Fuß eines Berges, den ich von gegenüber (Osten) bereits kenne: den Tunguruha. Wir laufen durch eine Schneise, die der Vulkan 2006 durch die Hütten geschlagen hat. An einem halbeingestürzten Haus hängt vorne das Dach in Form einzelner Holzplanken herunter. Man erkennt noch gut eine Donald Duck-Figur an der Fassade. Halbquerfeldein kämpfen wir uns einen Pfad auf einen Aussichtshügel hoch. Wilde Truthahne und Kolobris tauchen auf; dabei sorgen kleine schwarze Würmer auf der Haut für eine bessere Durchblutung. Wladimir erklärt, die Eukalyptusbäume hier seien einst importiert worden, um durch ihre wasserspeichernde Wirkung die Moskitos auszutrocknen. Dafür sei heute der Boden dehydriert. Während des Abstiegs tauche ich bei einer Bachüberspringung unfreiwillig mein Hinterteil ins Wasser. Ein Esel steht im Nadelöhr zwischen den den imaginären Weg überwuchernden Pflanzen. Beim Mittagessen (Suppe, Huhn) wird mir klar, was das Einheitliche an der ecuadorianischen Küche ausmacht: Koriander. Dazu trinken wir Cerveza. Dass sich der Tunguruha heute nicht gezeigt hat, brauche ich gar nicht erst zu schreiben.

In dem Dorf Guana gibt es Teppiche mit Eisbärmotiv und Cowboyzubehör zu kaufen. Wir probieren Chicha, eine flüssige lokale Spezialität aus Korn und geplantem Hühnernachwuchs. Es schmeckt wie Eierlikör mit Sahne. Zu neunt müssen wir einen ganzen Liter wegschlucken. "Vinos des Andes" nennt man das Getränk auch. Ich mache mir Sorgen um meinen Cholesterinspiegel.

Am Rand von Riobamba steht eine zebragestreifte Kuh als Momument inmitten eines Kreisverkehrs. Wir speisen zu Abend bei einem ecuadorianischen Chinesen, hier allgemein "Chifa" genannt. Mein Chop Suey schmeckt immerhin nicht nach Glutamat. Für die weitere Abendgestaltung wäre eigentlich Karaoke-Singen vorgesehen, aber Wladys Computer funktioniert nicht. In seinem Pay-TV-Programm entdecken wir dafür die Teenagerkomödie "Who's My Daddy?". Den schlechtesten Film, an den sich alle erinnern können, die in seinen Genuss kommen. Dabei entwickeln wir unser längst babylonisches Sprachgewirr (spanisch, englisch, französisch, deutsch, schwyzerdeutsch) immer weiter.



Schweinebratenfrühstück.


Aber es geht auch um die Wurst.


Von Vulkanasche gestreifter Schuppen.


Anschlag auf die USA?


Donnerstag, 28. August 2008

Riobamba II

Am Sonntag löst sich das Couchsurfing-Treffen langsam auf. Christiano (Ecuador) und Melanie (Frankreich) nehmen die übrigen, Miguel (USA), Boris (Frankreich) und mich (Deutschland), mit dem Auto mit auf Ecuadors höchsten Berg, den Vulkan im Ruhestand Chimborazo (6310m). Vorher frühstücken wir in einem Cafe, in das ich mich am Freitag schon verlaufen hatte. Ich esse Karamellkuchen und Huhn im Blätterteig.

In Unkenntnis des Weges kreuzen wir durch die Gegend, passieren einen Ort, in dem sich Menschen in bunten Traditionsumhängen und Obststände konzentrieren. Wir überholen einen Jungen mit Fahrrad. Auf seinen Schultern wieder ein Junge, der seinerseits drei nagelneue Besen schultert. Es geht vorbei an kleinen Schweinefarmen, Staubfabriken und Wäschleinen. Ab 4000m Höhe mündet die Vegetation in eine Mondlandschaft. Es schneit, und wir hören abgezockten Dub aus Christianos Ipod, den er an seine Autolautsprecher angeschlossen hat, weil ihm bei festinstallierter Musikanlage ständig das Auto aufgebrochen würde. Einmal sei einer mit Schnellfeuerpistole dabei Schmiere gestanden. Gerade in Quito, wo er mit Melanie lebt, häufen sich die Berichte von Überfällen.

Am Refugio I (4800m) steigen wir aus und laufen durch Nebel roten, feuchten Sand hinauf. Gedenksteine für Bergsteiger säumen den Weg. Darunter eine Tafel, die an Christianos Stiefvater erinnert. Vor fünfzehn Jahren wurde er Opfer einer Lawine. 2007 ist einem 87jährigen die Höhe nicht bekommen. Die Aluplatten längs des Weges stammen vom Dach des Refugios II, der Wind hat sie hierher heruntergetragen.

Wir sind da, 5000m über dem Meeresspiegel, mein Höhenrekord nochmals verbessert. Im Refugio II gibt´s Stockbetten, einen großen Holzofen, Champignonsuppe und Kokatee (zusammen für $2). Eine Schautafel würdigt den südamerikanischen Befreungshelden Simon Bolivar. An den Fenstern Aufkleber von Institutionen, die hier waren: "Förderer der Bergrettungsdienste Kärnten", die Zeitschrift "Der Heimatsucher", "Wild Ost Abenteuerreisen". Der Wirt repariert das Schloss der Stube mit einem großen Küchenmesser. Unser Hüttenaufenthalts wird beschallt mit "Sweet Child of Mine" (Guns ´n´ Roses) und "You give Love A Bad Name" (Bon Jovi). Schlechter Geschmack kennt keine Grenze nach oben. In Anlehnung an den Film von gestern abend wird der Satz "Quien es tu papi?" zum geflügelten Wort. Er lässt sich irgendwie immer anwenden, beispielsweise, wenn man beim Suppeessen kleckert. Sogar Christiano kann darüber lachen. Allein den Chimborazo haben wir nicht gesehen, den Gipfel kenne ich wieder nur aus dem
Internet.

Zurück in Riobamba verabschiede ich mich von den anderen und besteige ausgehungert einen Bus, der mich immerhin noch in den kleinen Ort Alausi bringt. Ich esse, was die Händler im Bus zu bieten haben: Aprikoseneis aus einer schmalen Tüte und eine appetitliche Mischung aus Vollkorn- und Honigbrot. Während der Fahrt läuft permanent ein Lied, das ich schon mindestens fünfzigmal gehört habe, und in dem es häuptsächlich um "Corazon" (Herz) geht. Wobei "Corazon" in jedem ecuadorianischen Lied vorkommt. Und wenn nicht "Corazon", dann wenigstens "Sentimentos".

Im Restaurant "El Cisne" ("Der Schwan") in Alausi wird mir ein Menu hingestellt, ohne dass vorher eine Kommunikation stattgefunden hätte: Suppe mit Kartoffeln, Käse und grünen Blättern, Hühnchenschenkel mit Reis. Dazu bestelle ich Saft und bekomme eine Art warmen Hustensaft mit Geschmacksrichtung Himbeer. Das Ganze für $2.25. Auf meinen $5-Schein kann der Kellner nicht herausgeben, das tägliche Drama, das jedoch sonst erst ab $10-Noten eintritt. Der Kellner nimmt meine Münzen im Wert von knapp $2 entgegen, meint "unimportant", und ich bedanke mich. Zur Nacht spielt eine einheimische Blaskapelle im fahlen Laternenlicht der Hauptstraße.


Gedenkstein am Chimbarazo.


Mittwoch, 27. August 2008

Alausi

In der "Residencia Alausi" wache ich in einem zwar schon gründlich heruntergewohnten, aber geräumigen Zimmer mit drei Doppelbetten, Fernseher und Vorhängeschloss vor der approximativ eingepassten Tür auf. Hier im Erdgeschoss neben der Rezeption bekomme ich genau mit, wer ein und aus geht, was die Zimmernachbarn herumzualbern haben, und wann über mir der Boden geschrubbt wird. Aus der Residencia heraus komme ich nur, wenn mir eine der vielzähligen Angestellten die schmiedeiserne Eingangstür aufschließt.

Beim Frühstück sehe ich meine These bestätigt, dass in Ecuador "Cafe con leche" (Milchkaffee) heiße Milch ist, in die al Gusto löslicher Kaffee aus einer Dose gerührt wird. Es gibt auch die Variante, in der das Pulver durch ein paar Tropfen Mocca ersetzt wird. Mein Reiseführer aus der Reihe "Reise Know-How" führt unter "Alausi" keine einzige Sehenswürdigkeit auf. Daher muss ich die Attraktionen selbst finden: Über das Städtchen wacht eine mindestens zwanzig Meter hohe, surreal anmutende, mit Kreuz und Bibel ausgestattete, Petrus-Statue. In dem augenscheinlich touristenfreien Ort sieht man Menschen in bunten Traditionsgewändern um die Schultern, Kinder in Schuluniform und kleine Jungs, die mit Fahrrad und gelbumsäumten roten Umhängen Torrero spielen. Außerdem besitzt Alausi eine moderne Feuerwehr ("Cuerpo de bomberos") mit roten Autos der Marke Toyota. Auf der Straße isst man Pommes, Fleischspieße und Riesenbananen vom Grill. Eine Variante die mir neu ist, denn der ecuadorianischen Exportschlager war mir bisher nur als rohe Frucht, Trockenobst, Hauptgerichtsbeilage, Dessert, Saft, Eis und Kucheningredenz begegnet.

Weiter zu berichten ist, dass sich die Kartoffelsuppe beim Mittagessen um einen fleischigen Rinderknochen von dem Dutzend anderer Kartoffelsuppen abhebt, die ich in Ecuador bereits probiert habe. In einem Internetcafe sind alle Tasten des Keyboards außer den Buchstaben falsch belegt. Nicht weit daneben hält der touristisch relevante Zug hoch auf die sogenannte "Nariz del Diablo" (Teufelsnase), allerdings nicht an den Tagen, an denen ich hier bin. In dem Lokal, wo ich zu Abend esse, hängt ein merkwürdiges Bild an der Wand: Hunde spielen Billard. Auf einem anderen ist ein Berg zu sehen, der dem Chimborazo ziemlich ähnelt. Im Vordergrund ein alpines Bauerndorf. Ein Tennismatch im Fernsehen beschließt den Tag.

Dienstag, 26. August 2008

Nach Guayaquil

Gestern schlenderte ich nach dem Mittagessen auf der Hauptstraße zu der Garage, von der die Busse abfahren. Ein Herr scheint bereits auf mich zu warten. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe. Komischerweise kommt das Wort "Telefono" darin vor. Ich deute auf den Bus nach Guayaquil, versichere ihm, ich hätte bereits ein Ticket, und deute an, meinen Rucksack ins Gepäckfach zu legen. Doch er gibt keine Ruhe, wiederholt "Telefono" und ergänzt "Venga!" ("Komm!"). Ich folge ihm zum Schalter. Er reicht mir den Hörer durch die Scheibe. Es ist Maru, mein "Host" (wie man bei Couchsurfng sagt) in Guayaquil. Sie arbeitet in einem Reisebüro, so hat sie die Nummer der Bushaltestelle ermittelt und teilt mir mit, sie könne mich nun doch vom Terminal Terrestre Guayaquil abholen. Soviel zu meiner Behauptung, ich sei hier telefonisch nicht zu erreichen. Eigentlich hatte ich die 3Mio.-Metropole (größte Stadt Ecuadors) auslassen wollen, aber ich hatte so viele nette Einladungen bekommen, dass ich es mir anders überlegt habe.

Auf der Fahrt durch die nebligen Andenschluchten steigen immer wieder Schulkinder ein und aus. Irgendwo in besonders dichtem Nebel, wo die Piste
noch kurviger und schlammiger ist als sonstwo, bleibt der Bus neunzig Minuten lang stehen. Straßenbauarbeiten, wie sich herausstellt. Dafür gibt´s danach eine mir neue Spezialität aus Banane: Pfannkuchen aus Bananenteig, gefüllt mit Käse.

Die Berge sind passiert, die Urwaldvegetation geht
über in einzelne Palmen, Riesenfarne, sowie ungezählte Plantagen der Geschmacksrichtungen Banane, Mais, Ananas und Reis. Wildromantische Baumhäuser und Kleingärten, Rostbuden mit Dächern aus Palmblättern, dazwischen staubige, pulsierende Städte mit morbidem Charme. Im Vorbeifahren lerne ich, dass Fleischpflanzerl/Frikadellen/Bulletten hier "Rambo" heißen. Ein großes Segelflugzeug gleitet haarscharf über eines der endlosen Bananenfelder. Aus den Lautsprechern dringen Rumbaklänge. Es swingt.

Hinter dem Ort Duran geht´s
über den zweigeteilten, kilometerbreiten Fluss Guaya nach Guayaquil rüber. Der Busbahnhof ist brandneu und, ähnlich wie der Berliner Hauptbahnhof, Teil einer überdimensionierten Shopping-Mall. Statt fünf Grad hat es hier abends gepflegte dreißig. Maru (31) holt mich mit ihren Freunden Jorge und Juan im Auto ab. Sie wohnt einige Kilometer nördlich. Die Unterkunft ist Couchsurfing pur: Der Eingang der zweistöckigen Wohnung dient als Küche, Wohnzimmer und Nähstube. Maru wohnt hier mit Eltern, jüngerem Bruder und jüngerer Schwester, deren Mann und Tochter. Es erklingen feierliche Tangomelodien, die auch aus einem Filmklassiker stammen könnten. Ich werde in ein zwar unverschließbares (hier ist die Tür zweifelsfrei zu klein für den Rahmen), fensterloses, aber immerhin eigenes Zimmer einquartiert.

Abends speisen Maru, Juan, Jorge, die 31j
ährige Oma Mari (Verhütung wird hier scheints nur sporadisch betrieben) und ich inmitten einer staubigen Verkehrsinsel im Freiluftlokal "Dolarazo" mit Grill und Plastiktischen. Es gibt Schweinernes mit Reis für den Kampfpreis von $1.25. Danach geht´s in die laute Latinobar "La Cabanita" in der Innenstadt. Weitere Leute kommen hinzu, deren Namen ich nicht verstehe. Einer versucht, mich mit seinen Deutschkenntnissen zu beeindrucken: "Fußball", "Auf Wiedersehen", "Heil Hitler". Es gibt brasilianisches Bier der indisch klingenden Marke "Brahma". Wir bringen Juan zum Busbahnhof, der in der Nacht noch irgendwo hinreisen muss. Für mich schließt sich ein kleiner Kreis. Zum zwanzigsten Mal wird ein Gruppenfoto gemacht. Ich schließe die Augen.

Montag, 25. August 2008

Guayaquil

Zum Frühstück gibt´s von Marus Mutter selbstgemachten Maiskuchen. Maru bringt mich mit dem Bus in die Innenstadt, wo sie arbeitet. Man hält sich hier an Plastikgriffen fest, unter die beidseitig Werbeschilder eingeschweißt sind.

Die Innenstadt Guayaquils scheint der einzige Stadtteil zu sein, den man gefahrlos alleine belaufen kann. Mir fällt nichts besseres ein, als der Route zu folgen, die der Reiseführer "Reise Know-How" vorschlägt. Vorher nehme ich angesichts des desolaten Aussehens meiner Beschuhung zum ersten Mal in meinem Leben die dekadente Dienstleistung des Schuhputzens ($1) in Anspruch. Allerdings achte ich darauf, dass es ein Erwachsener macht. Dann geht´s los: eine Kathedrale mit Heiligen, die um das Haupt herum leuchten. Es folgt ein Marktviertel, in dem u.a. Elektrik, Blumen, wahrscheinlich schlecht kopierte Videofilme und Wellensichte in Nanokäfigen angepriesen werden. Der "Mercado Artesenal" am Flussufer bietet all die Dinge, die ich schon früher erwartet hatte: Inkamützen, -schals, -handschuhe, -schmuck, -taschen, dazu Panflöten mit bunten Verzierungen, die so garantiert nie existiert haben.

Eine Pause am Guayafluss ist lauschig, aber es liegt viel Dunst über Wasser und Stadt. Und allerlei Strandgut treibt vorbei: Zitronensaft, Badeschlappen, entwurzelte Pflanzen. Hinter dem Restaurant zum Goldenen M (McDonald´s) ankert ein Piratenschiff, das in dieser Ausflugsausstattung auf Beuteturns garantiert keinen Cent einfahren würde. Auf einen hübschen Uhrturm mit arabischen Ornamenten folgen prächtige Kolonialbauten, ein schicker Yachtclub, ein Kunstwerk, das japanisch anmutende Holzformen mit Segeltuch verbindet, moderne 100m-Hochhäuser und ein Museumseisenbahnwagen vor einer witzigen Mischung aus Turm und Kinderrutsche. Dahinter liegt der romantische Ausgehhügel Santa Ana mit seinen bunten Hütten und Gassen. Abseits vom Fluss entdecke ich eine rechteckige Häuserfront mit den Kopien der Gemälde einheimischer Maler. Darunter eine Frau mit einem Blumengesteckturm auf dem Kopf, ein Baum mit Monthy-Python-Ästhetik, dessen Blätter Schmetterlinge sind und ein Indianer, dem bunte Federn Nase und Ohren durchbohren. Wie in Boston/New York schmiegen sich alte Kirchen an zehnmal so hohe Bürogebäude.

Ein herzzerreißendes Mädchen, es mag sechs sein, versucht minutenlang, mir vermutlich ziemlich klebriges Konfekt zu verkaufen. Es folgt mir sogar. Ich streichle seinen Kopf und rate ihm sinnloserweise, doch besser zur Schule zu gehen. Beim Versuch, die Begebenheit zu notieren, implodiert mein Kugelschreiber. Zwei Wochen tadelloser Dienst, doch nun muss ich ihn austauschen. Nach dem Mittagessen mache ich in der edlen Konditoreikette "Sweets and Coffee" das Experiment, die mir augenscheinlich unbekannteste Speise zu testen: "humitas", ein in Maisblätter gehüllter Brei; er schmeckt nach Gries, Aubergine und ... Mais.

Für 25 Cents umfahre ich mit dem Metrobus nochmals die komplette Innenstadt. Ich sehe ein weiteres Beispiel des Konzepts "Flughafen in Millionenstadt", ein grün-gelbes Fussballfeld, ein Monument, bei dem der Anführer auf den Schulter seiner Gefährten martialisch den Säbel nach vorne streckt und ein Möbelgeschäft, das seine Massivholzsitzgruppen in einem Gerippe aus rußgeschwärzten Ziegeln untergebracht hat.

Abends hat eine der anderen Couchsurferinnen, mit denen ich vorher E-Mail-Verkehr hatte, Kahyda, netterweise eigens für mich ein Treffen organisiert. Nach Kreuzfahrten durch die Stadt zwecks Umziehen, Abendessen und Leute einsammeln geht´s nahe des Flughafens im Norden los, im Freiluftlokal "Akropolis". Es läuft die Tangovorführung eines Herrn mit Riesenschnauzer, zurückgeschmierten Haaren und dunklem Nadelstreifenanzug. Abwechselnd fabuliert er zehn Minuten lang über Herkunft und Sinn des Tanzes und schiebt seine Partnerin für eine Minute, die Hand in der Hosentasche, wie einen Garderobenständer über's Podest. Mein Witz, das sei wohl griechischer Tango wird allerseits mit dem Hinweis pariert, es handle sich um argentinischen Tango. Die zweite Bar, das "El Galeon de Artur´s" liegt auf dem Santa Ana-Hügel. Weiße Säulen, buntes Teakholz, Steuerräder, Lichtschläuche und Seebärfiguren (vollbärtige Freddy Quinns) prägen das Interieur. Zuletzt geht´s irgendwo anders kilometer weit weg ins "Ojos De Perros Azul" ("Augen auf vor dem kleinem Hund"). Ein Meerkatzengemälde deckt eine ganze Wand ab. Wir trinken Bier mit Eiswürfeln.

Anfang des Abends hatte ich Kahyda erzählt, in Bayern mache man aus "Michael" meist "Michi". Aber so nennten mich nur noch meine Eltern. Selber schuld: Danach hat sie den ganzen Abend "Michi" zu mir gesagt. Ich habe sie dafür "Mama" genannt. Dabei sieht sie aus wie eine Tangofantasie.



Zeitgenössische Kunst.


Herzzerreißend.


Sonntag, 24. August 2008

Nach Puerto Lopez

Auf das Maisfrühstück folgt heute gleich ein Fischmittagsessen. Marus Vater stellt mir ungezählte Fragen zu Deutschland, Klima und Reiseplänen, von denen ich nur einen Bruchteil verstehe. Und davon wiederum kaum eine beantworten kann. Mit dem Spanischen ist´s hier auf dem Flachland allgemein so eine Sache: Im Gegensatz zur Sierra (Anden) scheinen die Leute oft mehreres gleichzeitig zu sagen, mitunter würde ich das Ganze nicht mal als Spanisch erkennen.

Am Busbahnhof finde ich den Schalter des Busunternehmens nicht, das Maru mir genannt hat. Ein Typ quatscht mich an, führt mich hin, bringt mich zu einem anderen Schalter, wo man zehn Cent Gebühr
für die Bahnhofsbenutzung zahlt. An der Plattform, wo die Busse abfahren, hat er gewonnen. Ich habe die Sache zu spät überrissen. Den Dollar, den er will, hat er sich verdient.

In der Rumpelkammer auf Rädern steht die Luft. Ich setze mich an eines der wenigen aufschiebbaren Schiebefenster. Es läuft ein gepflegter, asiatischer Massemordfilm. Nachdem ich beim Frühstück aus Höflichkeit einen Kaffee getrunken habe (hatte vor vier Jahren damit aufgehört), bekomme ich fiese Migr
äne. Im Stau auf der Landstraße laufen bestimmt hundert Essen und Trinken-Verkäufer durch den Bus und plärren mir ihre Angebotspalette ins Ohr. Auf brachliegende Ebenen folgen hügelige Buschsteppen. In Viapaoderso steigt auf einmal eine ganze Busbesetzung in die bislang halbleere Kutsche. Dazwischen zwängen sich neue Händler, die Kokosstücke und bunte Groschenhefte verticken. Dann wieder Schluchten, Nebelküche und Straßen aus Schlamm bzw. Schlaglöchern. Beim Bergauffahren im ersten Gang dreht der Motor regelmäßig am Rad. Unvermittelt taucht der Pazifik hinter den Hügeln auf.

Eine halbe Stunde später buche ich mich in Puerto Lopez im Hotel Itapoa ein: hübsche, individuell zusammengezimmerte Bungalows, Hängematten darin und davor und sogar ein vernünftiges Bad. Ich buche die morgige Aktivit
ät. Der Tag endet mit einer teuren ($5), aber erfreulichen Garnelen-Tortilla im Lokal "Vina del Mar". Die Migräne verhindert, dass mir für heute noch eine Pointe einfällt.


Models an der Strandpromenade.


Samstag, 23. August 2008

Whale watching

Außer der Strandpromenade ist das Fischerdorf Puerto Lopez ein einziger bröselnder Schrotthaufen. An der Promenade streunen Hunde an Strandbars aus Brettern entlang. Vorbei an vollbusigen Schaufensterpuppen in schicken Einteilern, um sie herum wirbeln kundenlose, dreirädrige Taxis Staub auf. Ein Mann ruft inbrünstig "Cameron" ("Garnelen") durch die Straße. "Fish y cameron". Am Lenker seines Fahrrads baumelt ein alter Eimer. Die Häuser sind blanke Ziegel, bei manchen Restaurants hat man immerhin die Fassade verputzt bis gestrichen. Kubanische Töne unterstreichen den morbiden Charme. Eine Walagentur in Gestalt eines rot angepinselten Bretterverschlags nennt sich "Wiston Churchill"; an jedem Block haucht mir ein Typ "Whale watching" ins Ohr. Bevor´s jedoch soweit ist, besuche ich noch die Fischer. Ihre Flotte von fünf Dutzend ehemals weißen, blauen, grünen Booten schaukelt vor dem Markt, wo der Fang bereits auf dem Grill liegt. Was in Riobamba das Schweinefrühstück ist, ist hier gebratener Barsch mit Reis und Banane. Ein Mann sammelt kleine zuckende Hammerhaie ein, um sie, wie ich später erfahre, dem Meer zurückzugeben.

Wlady hatte mir die Agentur "Machachilla Tours" empfohlen, weil die das beste Boot h
ätten. Ich versammle mich mit einem Neuseeländer, einem Franzosen und einem Schweizer. Bis es aufs Meer geht, werden jedoch noch bei drei anderen Anbietern Walinteressierte aufgelesen. Am Strand helfen Pelikane den Fischern bei der Arbeit, sie schlucken linealgroße Meeresbewohner im ganzen. Elf Leute und ich tauschen Schuhe gegen Schwimmwesten, und es geht mit Karacho auf die aufgebrachte See. Draußen kreist ein Taubengeschwader über verspäteten Fischerbooten.

Der Wahlobservationspunkt liegt vierzig Kilometer westlich, vor der Isla de la Plata ("Silberinsel"). Nach zehn Minuten taucht tats
ächlich ein Paar Buckelwale auf. Sie kommen aus der Antarktis hierher zur Paarung. Dieses Paar scheint unter Wasser einiges zu besprechen zu haben. Wie das klingt, kann man auf einer CD von Zweitausendeins nachhören. Als wir die Schuhe wieder anhaben, betritt die nächste Ladung Boatspeople die 5x2 km große Insel.

Sogleich lernen wir den "Bluefeetbooby" kennen, einen braun-wei
ßen Vogel mit türkisen Füßen, der bereitwillig für uns Touris posiert. Eine morgensternartige Frucht, die hier überall wächst, dient als Schwamm, wenn man die Schale abpellt. Überall tauchen neue Türkisfüßler auf. Raubvögel mittlerer Größe sehen sich die Sache von oben an. Wir erreichen malerische Kreidefelsen, wie man sie sonst nur sonntagabends im ZDF sieht. Die Farbe hat der Insel den Namen "Plata" ("Silber"), verliehen. Allerdings trägt auch der dunkle Vogelkot zur Farbgebung bei. Fregattenvögel machen Flugshows. Am elegantesten können es aber die Albatrosse. Geier sind für die evolutionäre Auslese der Brut der anderen Vögel zuständig. Unten an den Klippen haben die Boobies auf einmal grüne Füße. Unter manchem liegt ein zittriges Junges, einige bereits beflaumt. Die Eltern markieren die Brutstätten mit weißem Kot.

Vom Boot aus schnorcheln wir in einer der Kreidebuchten. Wir sehen Barracuda-, Trompeten-, Clownfische, Seeigel, Bunt- und gemeine Barsche.

Dann der zweite Versuch mit den Walen. Walbeobachtung funktioniert folgenderma
ßen: Man sieht eine Fontäne, eine Schwanz- oder Rückenflosse. Das Boot heizt darauf zu. Die Wale versinken im Meer. Minuten später tauchen sie irgendwo anders wieder auf. Usw. Doch auf einmal hören wir ein großes Exemplar zwanzig Meter neben uns aufschnaufen. Drei Kollegen springen sogar aus dem Wasser. Einer davon gar rückwärts.

In Puerto Lopez wartet eine Horde Kinder am Ufer auf uns.
Wenn ich sie recht verstehe, wollen sie unsere Füße waschen.

Abends esse ich tollen marinierten Fisch im Restaurant "Spandylus". Zwei T
ürsteher bewachen einen komplett leeren Club. Das ganze Nachleben spielt sich um das Lagerfeuer am Strand vor einer Strandbar ab. Die anderen sind bewirtschaftet, aber unbesucht. Einheimische Vorturner führen eine Polonäse ums Feuer an. Ich treffe den Schweizer Thierry wieder. Er reist schon seit einem halben Jahr durch Südamerika. Seinen Kulturpessimismus über Diebstahl und Betrug in lateinamerikanischen Ländern mag ich allerdings nicht ganz teilen. Schließlich schenkt mir Ecuador jeden Tag Geschichten wie diese.


Hammerhai.


Schnorcheln vor der Silberinsel.


Freitag, 22. August 2008

Ruhetag

Vom heutigen Ruhetag gibt's folgendes zu berichten: Mittags teste ich in der Volksküche neben den Fischern die Fähigkeiten der letzten um 12h noch aktiven Köchin. Sie schneidet aus einem einen halben Meter großen Fisch ein Sechstel, hackt Zwiebeln klein und brät das Ganze auf einem an eine Gasturbine angeschlossenen Herd. Der Fisch ist hervorragend, vor allem die Orangensauce. Auf meine Frage, ob es sich um Barsch handle (die noch plausibelste Fischart, die mein Lexikon hergibt), bestätigt die Köchin, es sei Fisch.

Nachmittags erringt die Sonne f
ür zwei Stunden den einzigen klaren Sieg in den drei Wochen gegen die Wolken. Ich lege mich an den Sandstrand und beobachtete die Pelikane, wie sie sich immer wieder erfolgsfrei in die Wellen stürzen. Ein Herr will mir einen Albatros verkaufen, der an Fäden gezogen wird. An der Straße versucht ein junges Hippiepärchen, seine Kleider zu veräußern. Ein paar Meter weiter campen sie am Strand.

Beim Abendessen kann ich eine weitere Art, Bananen zu konsumieren, notieren: Getrocknet als Chips.

Donnerstag, 21. August 2008

Montanita

Eine Terrorstechmücke und ein Gockel verkürzen mir die Nacht. Beim Auschecken aus dem Itapoa steht die Rezeptions-Senora vor dem Problem, dass sie nicht dafür Sorge getragen hat, mich ordnungsgemäß zu registrieren. Wäre ich kein ehrlicher Mensch, hätte ich glatt den halben Betrag der Rechnung sparen können.

45 Minuten Busfahrt sollen mich ins Hippiedorf Montanita bringen. Es fahren allerdings nur Einheimische mit. Und die sehen nach vielem aus, aber nicht nach Hippiebewegung
. Wo hinter Porto Lopez zum ersten mal wieder Meer zu sehen ist, steht ein Bauwerk aus Sandstein, das Friedensreich Hundertwasser gebaut haben könnte, würden nicht die Farben fehlen.

Nach einer guten Stunde lasse ich die Hotels im kondensierten Zentrum Montanitas hinter mir, gehe einmal um die Ecke, ein St
ück den Strand lang und buche mich im "Hostel las Palmeras" zehn Meter vom Meer entfernt ein.

Ich setze mich in eines der mehrst
öckigen Bambuslokale, bei denen aus jeder Ebene trockenes Schilf herunterhängt, und prüfe die Lage. Ein Heranwachsender trägt, dem milden Klima angepasst, die Hosen auf Halbmast. Dafür hat er eine Wollmütze über den Kopf gezogen. Bei Anderen ergeben die Haare selbst eine Solche. Kleingastrounternehmer stellen auf ehemals azurrblaunen Schubkarren mit bunten Sonnenschirmen Salate zusammen. Ihre Würzsoßen hätte man andernorts nach Augenschein weggeworfen. Einer schlägt eine große Muschel an einem durchschnittlich schmutzigen Pflasterstein auf und füllt ihr Fleisch in eine Schüssel. Fliegen zeigen Interesse. Gegenüber lassen Jungs mit nabelfreien Shirts ihre Filzlocken neu eindrehen. Ein Vierzigjähriger ohne Oberbekleidung schlendert mit einem Vierzehnjährigen im Arm die Straße herunter. Gutgewachsene Mädels mit großen Sonnengläsern tragen frischwerworbenen Kunstschmuck spazieren. Ein Herr mit Adlernase hält eine Hängematte hoch. Wenn er "Taxi" rufen würde, würde es mich nicht wundern. Das Ganze findet auf einem Viertelquadratkilometer statt.

Nachmittags
sehe ich einem Wahl-Jamaikaner beim Flechten von Stirnbändern zu. Die Zeit wird ihm durch die minütlich vorbeikommenden Bekannten weiblicher Herkunft verkürzt, die es ausgiebig zu begrüßen gilt. Interessanterweise ist nicht immer auszumachen, wie lange die Leute hier schon hängengeblieben sind. Die Ausnahme bilden gealterte Jugendliche, die einen Surfladen, ein Hostel oder eine Kleiderstange betreiben. Einer sieht aus wie ein von der Karibik gestreifter Claude-Oliver Rudolph. Soundtechnisch tut man in Montanita so, als habe das Genre Reggae/Dub nichts Gescheiteteres hervorgebracht als Bob Marley. Hier kann man Surfen, Spanisch, tibetanische Massage und Zen lernen.

Mein Magen-Darm-Trakt hat drei Wochen lang wie der eines Schweines alles, was ich ihm zugemutet habe, anstandslos verdaut. Nun zeigt auch er kleine
Schwächen, was vermutlich mit dem Eis unbekannter Herkunft in den Fruchtsäften zu tun hat. Ich kuriere ihn mit kleinen Schlücken Cola.

Beim Abendessen posieren hintereinander alle Wildhunde Montanitas neben meinem Tisch. Einer legt sogar beharrlich seine Schnauze auf meine Schenkel und schaut mich treuherzig an. Irgendwie sind abends viel weniger Leute unterwegs als tags
über. Die Bars überbieten sich in sinnloser Lautstärke. Auch Kräuterkuren riecht man höchstens verstohlen aus Hinterhöfen. Am interessantesten ist noch ein Zwist zwischen den Straßenkötern.