Gestern schlenderte ich nach dem Mittagessen auf der Hauptstraße zu der Garage, von der die Busse abfahren. Ein Herr scheint bereits auf mich zu warten. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe. Komischerweise kommt das Wort "Telefono" darin vor. Ich deute auf den Bus nach Guayaquil, versichere ihm, ich hätte bereits ein Ticket, und deute an, meinen Rucksack ins Gepäckfach zu legen. Doch er gibt keine Ruhe, wiederholt "Telefono" und ergänzt "Venga!" ("Komm!"). Ich folge ihm zum Schalter. Er reicht mir den Hörer durch die Scheibe. Es ist Maru, mein "Host" (wie man bei Couchsurfng sagt) in Guayaquil. Sie arbeitet in einem Reisebüro, so hat sie die Nummer der Bushaltestelle ermittelt und teilt mir mit, sie könne mich nun doch vom Terminal Terrestre Guayaquil abholen. Soviel zu meiner Behauptung, ich sei hier telefonisch nicht zu erreichen. Eigentlich hatte ich die 3Mio.-Metropole (größte Stadt Ecuadors) auslassen wollen, aber ich hatte so viele nette Einladungen bekommen, dass ich es mir anders überlegt habe.
Auf der Fahrt durch die nebligen Andenschluchten steigen immer wieder Schulkinder ein und aus. Irgendwo in besonders dichtem Nebel, wo die Piste noch kurviger und schlammiger ist als sonstwo, bleibt der Bus neunzig Minuten lang stehen. Straßenbauarbeiten, wie sich herausstellt. Dafür gibt´s danach eine mir neue Spezialität aus Banane: Pfannkuchen aus Bananenteig, gefüllt mit Käse.
Die Berge sind passiert, die Urwaldvegetation geht über in einzelne Palmen, Riesenfarne, sowie ungezählte Plantagen der Geschmacksrichtungen Banane, Mais, Ananas und Reis. Wildromantische Baumhäuser und Kleingärten, Rostbuden mit Dächern aus Palmblättern, dazwischen staubige, pulsierende Städte mit morbidem Charme. Im Vorbeifahren lerne ich, dass Fleischpflanzerl/Frikadellen/Bulletten hier "Rambo" heißen. Ein großes Segelflugzeug gleitet haarscharf über eines der endlosen Bananenfelder. Aus den Lautsprechern dringen Rumbaklänge. Es swingt.
Hinter dem Ort Duran geht´s über den zweigeteilten, kilometerbreiten Fluss Guaya nach Guayaquil rüber. Der Busbahnhof ist brandneu und, ähnlich wie der Berliner Hauptbahnhof, Teil einer überdimensionierten Shopping-Mall. Statt fünf Grad hat es hier abends gepflegte dreißig. Maru (31) holt mich mit ihren Freunden Jorge und Juan im Auto ab. Sie wohnt einige Kilometer nördlich. Die Unterkunft ist Couchsurfing pur: Der Eingang der zweistöckigen Wohnung dient als Küche, Wohnzimmer und Nähstube. Maru wohnt hier mit Eltern, jüngerem Bruder und jüngerer Schwester, deren Mann und Tochter. Es erklingen feierliche Tangomelodien, die auch aus einem Filmklassiker stammen könnten. Ich werde in ein zwar unverschließbares (hier ist die Tür zweifelsfrei zu klein für den Rahmen), fensterloses, aber immerhin eigenes Zimmer einquartiert.
Abends speisen Maru, Juan, Jorge, die 31jährige Oma Mari (Verhütung wird hier scheints nur sporadisch betrieben) und ich inmitten einer staubigen Verkehrsinsel im Freiluftlokal "Dolarazo" mit Grill und Plastiktischen. Es gibt Schweinernes mit Reis für den Kampfpreis von $1.25. Danach geht´s in die laute Latinobar "La Cabanita" in der Innenstadt. Weitere Leute kommen hinzu, deren Namen ich nicht verstehe. Einer versucht, mich mit seinen Deutschkenntnissen zu beeindrucken: "Fußball", "Auf Wiedersehen", "Heil Hitler". Es gibt brasilianisches Bier der indisch klingenden Marke "Brahma". Wir bringen Juan zum Busbahnhof, der in der Nacht noch irgendwo hinreisen muss. Für mich schließt sich ein kleiner Kreis. Zum zwanzigsten Mal wird ein Gruppenfoto gemacht. Ich schließe die Augen.
Dienstag, 26. August 2008
Montag, 25. August 2008
Guayaquil
Zum Frühstück gibt´s von Marus Mutter selbstgemachten Maiskuchen. Maru bringt mich mit dem Bus in die Innenstadt, wo sie arbeitet. Man hält sich hier an Plastikgriffen fest, unter die beidseitig Werbeschilder eingeschweißt sind.
Die Innenstadt Guayaquils scheint der einzige Stadtteil zu sein, den man gefahrlos alleine belaufen kann. Mir fällt nichts besseres ein, als der Route zu folgen, die der Reiseführer "Reise Know-How" vorschlägt. Vorher nehme ich angesichts des desolaten Aussehens meiner Beschuhung zum ersten Mal in meinem Leben die dekadente Dienstleistung des Schuhputzens ($1) in Anspruch. Allerdings achte ich darauf, dass es ein Erwachsener macht. Dann geht´s los: eine Kathedrale mit Heiligen, die um das Haupt herum leuchten. Es folgt ein Marktviertel, in dem u.a. Elektrik, Blumen, wahrscheinlich schlecht kopierte Videofilme und Wellensichte in Nanokäfigen angepriesen werden. Der "Mercado Artesenal" am Flussufer bietet all die Dinge, die ich schon früher erwartet hatte: Inkamützen, -schals, -handschuhe, -schmuck, -taschen, dazu Panflöten mit bunten Verzierungen, die so garantiert nie existiert haben.
Eine Pause am Guayafluss ist lauschig, aber es liegt viel Dunst über Wasser und Stadt. Und allerlei Strandgut treibt vorbei: Zitronensaft, Badeschlappen, entwurzelte Pflanzen. Hinter dem Restaurant zum Goldenen M (McDonald´s) ankert ein Piratenschiff, das in dieser Ausflugsausstattung auf Beuteturns garantiert keinen Cent einfahren würde. Auf einen hübschen Uhrturm mit arabischen Ornamenten folgen prächtige Kolonialbauten, ein schicker Yachtclub, ein Kunstwerk, das japanisch anmutende Holzformen mit Segeltuch verbindet, moderne 100m-Hochhäuser und ein Museumseisenbahnwagen vor einer witzigen Mischung aus Turm und Kinderrutsche. Dahinter liegt der romantische Ausgehhügel Santa Ana mit seinen bunten Hütten und Gassen. Abseits vom Fluss entdecke ich eine rechteckige Häuserfront mit den Kopien der Gemälde einheimischer Maler. Darunter eine Frau mit einem Blumengesteckturm auf dem Kopf, ein Baum mit Monthy-Python-Ästhetik, dessen Blätter Schmetterlinge sind und ein Indianer, dem bunte Federn Nase und Ohren durchbohren. Wie in Boston/New York schmiegen sich alte Kirchen an zehnmal so hohe Bürogebäude.
Ein herzzerreißendes Mädchen, es mag sechs sein, versucht minutenlang, mir vermutlich ziemlich klebriges Konfekt zu verkaufen. Es folgt mir sogar. Ich streichle seinen Kopf und rate ihm sinnloserweise, doch besser zur Schule zu gehen. Beim Versuch, die Begebenheit zu notieren, implodiert mein Kugelschreiber. Zwei Wochen tadelloser Dienst, doch nun muss ich ihn austauschen. Nach dem Mittagessen mache ich in der edlen Konditoreikette "Sweets and Coffee" das Experiment, die mir augenscheinlich unbekannteste Speise zu testen: "humitas", ein in Maisblätter gehüllter Brei; er schmeckt nach Gries, Aubergine und ... Mais.
Für 25 Cents umfahre ich mit dem Metrobus nochmals die komplette Innenstadt. Ich sehe ein weiteres Beispiel des Konzepts "Flughafen in Millionenstadt", ein grün-gelbes Fussballfeld, ein Monument, bei dem der Anführer auf den Schulter seiner Gefährten martialisch den Säbel nach vorne streckt und ein Möbelgeschäft, das seine Massivholzsitzgruppen in einem Gerippe aus rußgeschwärzten Ziegeln untergebracht hat.
Abends hat eine der anderen Couchsurferinnen, mit denen ich vorher E-Mail-Verkehr hatte, Kahyda, netterweise eigens für mich ein Treffen organisiert. Nach Kreuzfahrten durch die Stadt zwecks Umziehen, Abendessen und Leute einsammeln geht´s nahe des Flughafens im Norden los, im Freiluftlokal "Akropolis". Es läuft die Tangovorführung eines Herrn mit Riesenschnauzer, zurückgeschmierten Haaren und dunklem Nadelstreifenanzug. Abwechselnd fabuliert er zehn Minuten lang über Herkunft und Sinn des Tanzes und schiebt seine Partnerin für eine Minute, die Hand in der Hosentasche, wie einen Garderobenständer über's Podest. Mein Witz, das sei wohl griechischer Tango wird allerseits mit dem Hinweis pariert, es handle sich um argentinischen Tango. Die zweite Bar, das "El Galeon de Artur´s" liegt auf dem Santa Ana-Hügel. Weiße Säulen, buntes Teakholz, Steuerräder, Lichtschläuche und Seebärfiguren (vollbärtige Freddy Quinns) prägen das Interieur. Zuletzt geht´s irgendwo anders kilometer weit weg ins "Ojos De Perros Azul" ("Augen auf vor dem kleinem Hund"). Ein Meerkatzengemälde deckt eine ganze Wand ab. Wir trinken Bier mit Eiswürfeln.
Anfang des Abends hatte ich Kahyda erzählt, in Bayern mache man aus "Michael" meist "Michi". Aber so nennten mich nur noch meine Eltern. Selber schuld: Danach hat sie den ganzen Abend "Michi" zu mir gesagt. Ich habe sie dafür "Mama" genannt. Dabei sieht sie aus wie eine Tangofantasie.
Die Innenstadt Guayaquils scheint der einzige Stadtteil zu sein, den man gefahrlos alleine belaufen kann. Mir fällt nichts besseres ein, als der Route zu folgen, die der Reiseführer "Reise Know-How" vorschlägt. Vorher nehme ich angesichts des desolaten Aussehens meiner Beschuhung zum ersten Mal in meinem Leben die dekadente Dienstleistung des Schuhputzens ($1) in Anspruch. Allerdings achte ich darauf, dass es ein Erwachsener macht. Dann geht´s los: eine Kathedrale mit Heiligen, die um das Haupt herum leuchten. Es folgt ein Marktviertel, in dem u.a. Elektrik, Blumen, wahrscheinlich schlecht kopierte Videofilme und Wellensichte in Nanokäfigen angepriesen werden. Der "Mercado Artesenal" am Flussufer bietet all die Dinge, die ich schon früher erwartet hatte: Inkamützen, -schals, -handschuhe, -schmuck, -taschen, dazu Panflöten mit bunten Verzierungen, die so garantiert nie existiert haben.
Eine Pause am Guayafluss ist lauschig, aber es liegt viel Dunst über Wasser und Stadt. Und allerlei Strandgut treibt vorbei: Zitronensaft, Badeschlappen, entwurzelte Pflanzen. Hinter dem Restaurant zum Goldenen M (McDonald´s) ankert ein Piratenschiff, das in dieser Ausflugsausstattung auf Beuteturns garantiert keinen Cent einfahren würde. Auf einen hübschen Uhrturm mit arabischen Ornamenten folgen prächtige Kolonialbauten, ein schicker Yachtclub, ein Kunstwerk, das japanisch anmutende Holzformen mit Segeltuch verbindet, moderne 100m-Hochhäuser und ein Museumseisenbahnwagen vor einer witzigen Mischung aus Turm und Kinderrutsche. Dahinter liegt der romantische Ausgehhügel Santa Ana mit seinen bunten Hütten und Gassen. Abseits vom Fluss entdecke ich eine rechteckige Häuserfront mit den Kopien der Gemälde einheimischer Maler. Darunter eine Frau mit einem Blumengesteckturm auf dem Kopf, ein Baum mit Monthy-Python-Ästhetik, dessen Blätter Schmetterlinge sind und ein Indianer, dem bunte Federn Nase und Ohren durchbohren. Wie in Boston/New York schmiegen sich alte Kirchen an zehnmal so hohe Bürogebäude.
Ein herzzerreißendes Mädchen, es mag sechs sein, versucht minutenlang, mir vermutlich ziemlich klebriges Konfekt zu verkaufen. Es folgt mir sogar. Ich streichle seinen Kopf und rate ihm sinnloserweise, doch besser zur Schule zu gehen. Beim Versuch, die Begebenheit zu notieren, implodiert mein Kugelschreiber. Zwei Wochen tadelloser Dienst, doch nun muss ich ihn austauschen. Nach dem Mittagessen mache ich in der edlen Konditoreikette "Sweets and Coffee" das Experiment, die mir augenscheinlich unbekannteste Speise zu testen: "humitas", ein in Maisblätter gehüllter Brei; er schmeckt nach Gries, Aubergine und ... Mais.
Für 25 Cents umfahre ich mit dem Metrobus nochmals die komplette Innenstadt. Ich sehe ein weiteres Beispiel des Konzepts "Flughafen in Millionenstadt", ein grün-gelbes Fussballfeld, ein Monument, bei dem der Anführer auf den Schulter seiner Gefährten martialisch den Säbel nach vorne streckt und ein Möbelgeschäft, das seine Massivholzsitzgruppen in einem Gerippe aus rußgeschwärzten Ziegeln untergebracht hat.
Abends hat eine der anderen Couchsurferinnen, mit denen ich vorher E-Mail-Verkehr hatte, Kahyda, netterweise eigens für mich ein Treffen organisiert. Nach Kreuzfahrten durch die Stadt zwecks Umziehen, Abendessen und Leute einsammeln geht´s nahe des Flughafens im Norden los, im Freiluftlokal "Akropolis". Es läuft die Tangovorführung eines Herrn mit Riesenschnauzer, zurückgeschmierten Haaren und dunklem Nadelstreifenanzug. Abwechselnd fabuliert er zehn Minuten lang über Herkunft und Sinn des Tanzes und schiebt seine Partnerin für eine Minute, die Hand in der Hosentasche, wie einen Garderobenständer über's Podest. Mein Witz, das sei wohl griechischer Tango wird allerseits mit dem Hinweis pariert, es handle sich um argentinischen Tango. Die zweite Bar, das "El Galeon de Artur´s" liegt auf dem Santa Ana-Hügel. Weiße Säulen, buntes Teakholz, Steuerräder, Lichtschläuche und Seebärfiguren (vollbärtige Freddy Quinns) prägen das Interieur. Zuletzt geht´s irgendwo anders kilometer weit weg ins "Ojos De Perros Azul" ("Augen auf vor dem kleinem Hund"). Ein Meerkatzengemälde deckt eine ganze Wand ab. Wir trinken Bier mit Eiswürfeln.
Anfang des Abends hatte ich Kahyda erzählt, in Bayern mache man aus "Michael" meist "Michi". Aber so nennten mich nur noch meine Eltern. Selber schuld: Danach hat sie den ganzen Abend "Michi" zu mir gesagt. Ich habe sie dafür "Mama" genannt. Dabei sieht sie aus wie eine Tangofantasie.
Sonntag, 24. August 2008
Nach Puerto Lopez
Auf das Maisfrühstück folgt heute gleich ein Fischmittagsessen. Marus Vater stellt mir ungezählte Fragen zu Deutschland, Klima und Reiseplänen, von denen ich nur einen Bruchteil verstehe. Und davon wiederum kaum eine beantworten kann. Mit dem Spanischen ist´s hier auf dem Flachland allgemein so eine Sache: Im Gegensatz zur Sierra (Anden) scheinen die Leute oft mehreres gleichzeitig zu sagen, mitunter würde ich das Ganze nicht mal als Spanisch erkennen.
Am Busbahnhof finde ich den Schalter des Busunternehmens nicht, das Maru mir genannt hat. Ein Typ quatscht mich an, führt mich hin, bringt mich zu einem anderen Schalter, wo man zehn Cent Gebühr für die Bahnhofsbenutzung zahlt. An der Plattform, wo die Busse abfahren, hat er gewonnen. Ich habe die Sache zu spät überrissen. Den Dollar, den er will, hat er sich verdient.
In der Rumpelkammer auf Rädern steht die Luft. Ich setze mich an eines der wenigen aufschiebbaren Schiebefenster. Es läuft ein gepflegter, asiatischer Massemordfilm. Nachdem ich beim Frühstück aus Höflichkeit einen Kaffee getrunken habe (hatte vor vier Jahren damit aufgehört), bekomme ich fiese Migräne. Im Stau auf der Landstraße laufen bestimmt hundert Essen und Trinken-Verkäufer durch den Bus und plärren mir ihre Angebotspalette ins Ohr. Auf brachliegende Ebenen folgen hügelige Buschsteppen. In Viapaoderso steigt auf einmal eine ganze Busbesetzung in die bislang halbleere Kutsche. Dazwischen zwängen sich neue Händler, die Kokosstücke und bunte Groschenhefte verticken. Dann wieder Schluchten, Nebelküche und Straßen aus Schlamm bzw. Schlaglöchern. Beim Bergauffahren im ersten Gang dreht der Motor regelmäßig am Rad. Unvermittelt taucht der Pazifik hinter den Hügeln auf.
Eine halbe Stunde später buche ich mich in Puerto Lopez im Hotel Itapoa ein: hübsche, individuell zusammengezimmerte Bungalows, Hängematten darin und davor und sogar ein vernünftiges Bad. Ich buche die morgige Aktivität. Der Tag endet mit einer teuren ($5), aber erfreulichen Garnelen-Tortilla im Lokal "Vina del Mar". Die Migräne verhindert, dass mir für heute noch eine Pointe einfällt.
Am Busbahnhof finde ich den Schalter des Busunternehmens nicht, das Maru mir genannt hat. Ein Typ quatscht mich an, führt mich hin, bringt mich zu einem anderen Schalter, wo man zehn Cent Gebühr für die Bahnhofsbenutzung zahlt. An der Plattform, wo die Busse abfahren, hat er gewonnen. Ich habe die Sache zu spät überrissen. Den Dollar, den er will, hat er sich verdient.
In der Rumpelkammer auf Rädern steht die Luft. Ich setze mich an eines der wenigen aufschiebbaren Schiebefenster. Es läuft ein gepflegter, asiatischer Massemordfilm. Nachdem ich beim Frühstück aus Höflichkeit einen Kaffee getrunken habe (hatte vor vier Jahren damit aufgehört), bekomme ich fiese Migräne. Im Stau auf der Landstraße laufen bestimmt hundert Essen und Trinken-Verkäufer durch den Bus und plärren mir ihre Angebotspalette ins Ohr. Auf brachliegende Ebenen folgen hügelige Buschsteppen. In Viapaoderso steigt auf einmal eine ganze Busbesetzung in die bislang halbleere Kutsche. Dazwischen zwängen sich neue Händler, die Kokosstücke und bunte Groschenhefte verticken. Dann wieder Schluchten, Nebelküche und Straßen aus Schlamm bzw. Schlaglöchern. Beim Bergauffahren im ersten Gang dreht der Motor regelmäßig am Rad. Unvermittelt taucht der Pazifik hinter den Hügeln auf.
Eine halbe Stunde später buche ich mich in Puerto Lopez im Hotel Itapoa ein: hübsche, individuell zusammengezimmerte Bungalows, Hängematten darin und davor und sogar ein vernünftiges Bad. Ich buche die morgige Aktivität. Der Tag endet mit einer teuren ($5), aber erfreulichen Garnelen-Tortilla im Lokal "Vina del Mar". Die Migräne verhindert, dass mir für heute noch eine Pointe einfällt.
Samstag, 23. August 2008
Whale watching
Außer der Strandpromenade ist das Fischerdorf Puerto Lopez ein einziger bröselnder Schrotthaufen. An der Promenade streunen Hunde an Strandbars aus Brettern entlang. Vorbei an vollbusigen Schaufensterpuppen in schicken Einteilern, um sie herum wirbeln kundenlose, dreirädrige Taxis Staub auf. Ein Mann ruft inbrünstig "Cameron" ("Garnelen") durch die Straße. "Fish y cameron". Am Lenker seines Fahrrads baumelt ein alter Eimer. Die Häuser sind blanke Ziegel, bei manchen Restaurants hat man immerhin die Fassade verputzt bis gestrichen. Kubanische Töne unterstreichen den morbiden Charme. Eine Walagentur in Gestalt eines rot angepinselten Bretterverschlags nennt sich "Wiston Churchill"; an jedem Block haucht mir ein Typ "Whale watching" ins Ohr. Bevor´s jedoch soweit ist, besuche ich noch die Fischer. Ihre Flotte von fünf Dutzend ehemals weißen, blauen, grünen Booten schaukelt vor dem Markt, wo der Fang bereits auf dem Grill liegt. Was in Riobamba das Schweinefrühstück ist, ist hier gebratener Barsch mit Reis und Banane. Ein Mann sammelt kleine zuckende Hammerhaie ein, um sie, wie ich später erfahre, dem Meer zurückzugeben.
Wlady hatte mir die Agentur "Machachilla Tours" empfohlen, weil die das beste Boot hätten. Ich versammle mich mit einem Neuseeländer, einem Franzosen und einem Schweizer. Bis es aufs Meer geht, werden jedoch noch bei drei anderen Anbietern Walinteressierte aufgelesen. Am Strand helfen Pelikane den Fischern bei der Arbeit, sie schlucken linealgroße Meeresbewohner im ganzen. Elf Leute und ich tauschen Schuhe gegen Schwimmwesten, und es geht mit Karacho auf die aufgebrachte See. Draußen kreist ein Taubengeschwader über verspäteten Fischerbooten.
Der Wahlobservationspunkt liegt vierzig Kilometer westlich, vor der Isla de la Plata ("Silberinsel"). Nach zehn Minuten taucht tatsächlich ein Paar Buckelwale auf. Sie kommen aus der Antarktis hierher zur Paarung. Dieses Paar scheint unter Wasser einiges zu besprechen zu haben. Wie das klingt, kann man auf einer CD von Zweitausendeins nachhören. Als wir die Schuhe wieder anhaben, betritt die nächste Ladung Boatspeople die 5x2 km große Insel.
Sogleich lernen wir den "Bluefeetbooby" kennen, einen braun-weißen Vogel mit türkisen Füßen, der bereitwillig für uns Touris posiert. Eine morgensternartige Frucht, die hier überall wächst, dient als Schwamm, wenn man die Schale abpellt. Überall tauchen neue Türkisfüßler auf. Raubvögel mittlerer Größe sehen sich die Sache von oben an. Wir erreichen malerische Kreidefelsen, wie man sie sonst nur sonntagabends im ZDF sieht. Die Farbe hat der Insel den Namen "Plata" ("Silber"), verliehen. Allerdings trägt auch der dunkle Vogelkot zur Farbgebung bei. Fregattenvögel machen Flugshows. Am elegantesten können es aber die Albatrosse. Geier sind für die evolutionäre Auslese der Brut der anderen Vögel zuständig. Unten an den Klippen haben die Boobies auf einmal grüne Füße. Unter manchem liegt ein zittriges Junges, einige bereits beflaumt. Die Eltern markieren die Brutstätten mit weißem Kot.
Vom Boot aus schnorcheln wir in einer der Kreidebuchten. Wir sehen Barracuda-, Trompeten-, Clownfische, Seeigel, Bunt- und gemeine Barsche.
Dann der zweite Versuch mit den Walen. Walbeobachtung funktioniert folgendermaßen: Man sieht eine Fontäne, eine Schwanz- oder Rückenflosse. Das Boot heizt darauf zu. Die Wale versinken im Meer. Minuten später tauchen sie irgendwo anders wieder auf. Usw. Doch auf einmal hören wir ein großes Exemplar zwanzig Meter neben uns aufschnaufen. Drei Kollegen springen sogar aus dem Wasser. Einer davon gar rückwärts.
In Puerto Lopez wartet eine Horde Kinder am Ufer auf uns. Wenn ich sie recht verstehe, wollen sie unsere Füße waschen.
Abends esse ich tollen marinierten Fisch im Restaurant "Spandylus". Zwei Türsteher bewachen einen komplett leeren Club. Das ganze Nachleben spielt sich um das Lagerfeuer am Strand vor einer Strandbar ab. Die anderen sind bewirtschaftet, aber unbesucht. Einheimische Vorturner führen eine Polonäse ums Feuer an. Ich treffe den Schweizer Thierry wieder. Er reist schon seit einem halben Jahr durch Südamerika. Seinen Kulturpessimismus über Diebstahl und Betrug in lateinamerikanischen Ländern mag ich allerdings nicht ganz teilen. Schließlich schenkt mir Ecuador jeden Tag Geschichten wie diese.
Wlady hatte mir die Agentur "Machachilla Tours" empfohlen, weil die das beste Boot hätten. Ich versammle mich mit einem Neuseeländer, einem Franzosen und einem Schweizer. Bis es aufs Meer geht, werden jedoch noch bei drei anderen Anbietern Walinteressierte aufgelesen. Am Strand helfen Pelikane den Fischern bei der Arbeit, sie schlucken linealgroße Meeresbewohner im ganzen. Elf Leute und ich tauschen Schuhe gegen Schwimmwesten, und es geht mit Karacho auf die aufgebrachte See. Draußen kreist ein Taubengeschwader über verspäteten Fischerbooten.
Der Wahlobservationspunkt liegt vierzig Kilometer westlich, vor der Isla de la Plata ("Silberinsel"). Nach zehn Minuten taucht tatsächlich ein Paar Buckelwale auf. Sie kommen aus der Antarktis hierher zur Paarung. Dieses Paar scheint unter Wasser einiges zu besprechen zu haben. Wie das klingt, kann man auf einer CD von Zweitausendeins nachhören. Als wir die Schuhe wieder anhaben, betritt die nächste Ladung Boatspeople die 5x2 km große Insel.
Sogleich lernen wir den "Bluefeetbooby" kennen, einen braun-weißen Vogel mit türkisen Füßen, der bereitwillig für uns Touris posiert. Eine morgensternartige Frucht, die hier überall wächst, dient als Schwamm, wenn man die Schale abpellt. Überall tauchen neue Türkisfüßler auf. Raubvögel mittlerer Größe sehen sich die Sache von oben an. Wir erreichen malerische Kreidefelsen, wie man sie sonst nur sonntagabends im ZDF sieht. Die Farbe hat der Insel den Namen "Plata" ("Silber"), verliehen. Allerdings trägt auch der dunkle Vogelkot zur Farbgebung bei. Fregattenvögel machen Flugshows. Am elegantesten können es aber die Albatrosse. Geier sind für die evolutionäre Auslese der Brut der anderen Vögel zuständig. Unten an den Klippen haben die Boobies auf einmal grüne Füße. Unter manchem liegt ein zittriges Junges, einige bereits beflaumt. Die Eltern markieren die Brutstätten mit weißem Kot.
Vom Boot aus schnorcheln wir in einer der Kreidebuchten. Wir sehen Barracuda-, Trompeten-, Clownfische, Seeigel, Bunt- und gemeine Barsche.
Dann der zweite Versuch mit den Walen. Walbeobachtung funktioniert folgendermaßen: Man sieht eine Fontäne, eine Schwanz- oder Rückenflosse. Das Boot heizt darauf zu. Die Wale versinken im Meer. Minuten später tauchen sie irgendwo anders wieder auf. Usw. Doch auf einmal hören wir ein großes Exemplar zwanzig Meter neben uns aufschnaufen. Drei Kollegen springen sogar aus dem Wasser. Einer davon gar rückwärts.
In Puerto Lopez wartet eine Horde Kinder am Ufer auf uns. Wenn ich sie recht verstehe, wollen sie unsere Füße waschen.
Abends esse ich tollen marinierten Fisch im Restaurant "Spandylus". Zwei Türsteher bewachen einen komplett leeren Club. Das ganze Nachleben spielt sich um das Lagerfeuer am Strand vor einer Strandbar ab. Die anderen sind bewirtschaftet, aber unbesucht. Einheimische Vorturner führen eine Polonäse ums Feuer an. Ich treffe den Schweizer Thierry wieder. Er reist schon seit einem halben Jahr durch Südamerika. Seinen Kulturpessimismus über Diebstahl und Betrug in lateinamerikanischen Ländern mag ich allerdings nicht ganz teilen. Schließlich schenkt mir Ecuador jeden Tag Geschichten wie diese.
Freitag, 22. August 2008
Ruhetag
Vom heutigen Ruhetag gibt's folgendes zu berichten: Mittags teste ich in der Volksküche neben den Fischern die Fähigkeiten der letzten um 12h noch aktiven Köchin. Sie schneidet aus einem einen halben Meter großen Fisch ein Sechstel, hackt Zwiebeln klein und brät das Ganze auf einem an eine Gasturbine angeschlossenen Herd. Der Fisch ist hervorragend, vor allem die Orangensauce. Auf meine Frage, ob es sich um Barsch handle (die noch plausibelste Fischart, die mein Lexikon hergibt), bestätigt die Köchin, es sei Fisch.
Nachmittags erringt die Sonne für zwei Stunden den einzigen klaren Sieg in den drei Wochen gegen die Wolken. Ich lege mich an den Sandstrand und beobachtete die Pelikane, wie sie sich immer wieder erfolgsfrei in die Wellen stürzen. Ein Herr will mir einen Albatros verkaufen, der an Fäden gezogen wird. An der Straße versucht ein junges Hippiepärchen, seine Kleider zu veräußern. Ein paar Meter weiter campen sie am Strand.
Beim Abendessen kann ich eine weitere Art, Bananen zu konsumieren, notieren: Getrocknet als Chips.
Donnerstag, 21. August 2008
Montanita
Eine Terrorstechmücke und ein Gockel verkürzen mir die Nacht. Beim Auschecken aus dem Itapoa steht die Rezeptions-Senora vor dem Problem, dass sie nicht dafür Sorge getragen hat, mich ordnungsgemäß zu registrieren. Wäre ich kein ehrlicher Mensch, hätte ich glatt den halben Betrag der Rechnung sparen können.
45 Minuten Busfahrt sollen mich ins Hippiedorf Montanita bringen. Es fahren allerdings nur Einheimische mit. Und die sehen nach vielem aus, aber nicht nach Hippiebewegung. Wo hinter Porto Lopez zum ersten mal wieder Meer zu sehen ist, steht ein Bauwerk aus Sandstein, das Friedensreich Hundertwasser gebaut haben könnte, würden nicht die Farben fehlen.
Nach einer guten Stunde lasse ich die Hotels im kondensierten Zentrum Montanitas hinter mir, gehe einmal um die Ecke, ein Stück den Strand lang und buche mich im "Hostel las Palmeras" zehn Meter vom Meer entfernt ein.
Ich setze mich in eines der mehrstöckigen Bambuslokale, bei denen aus jeder Ebene trockenes Schilf herunterhängt, und prüfe die Lage. Ein Heranwachsender trägt, dem milden Klima angepasst, die Hosen auf Halbmast. Dafür hat er eine Wollmütze über den Kopf gezogen. Bei Anderen ergeben die Haare selbst eine Solche. Kleingastrounternehmer stellen auf ehemals azurrblaunen Schubkarren mit bunten Sonnenschirmen Salate zusammen. Ihre Würzsoßen hätte man andernorts nach Augenschein weggeworfen. Einer schlägt eine große Muschel an einem durchschnittlich schmutzigen Pflasterstein auf und füllt ihr Fleisch in eine Schüssel. Fliegen zeigen Interesse. Gegenüber lassen Jungs mit nabelfreien Shirts ihre Filzlocken neu eindrehen. Ein Vierzigjähriger ohne Oberbekleidung schlendert mit einem Vierzehnjährigen im Arm die Straße herunter. Gutgewachsene Mädels mit großen Sonnengläsern tragen frischwerworbenen Kunstschmuck spazieren. Ein Herr mit Adlernase hält eine Hängematte hoch. Wenn er "Taxi" rufen würde, würde es mich nicht wundern. Das Ganze findet auf einem Viertelquadratkilometer statt.
Nachmittags sehe ich einem Wahl-Jamaikaner beim Flechten von Stirnbändern zu. Die Zeit wird ihm durch die minütlich vorbeikommenden Bekannten weiblicher Herkunft verkürzt, die es ausgiebig zu begrüßen gilt. Interessanterweise ist nicht immer auszumachen, wie lange die Leute hier schon hängengeblieben sind. Die Ausnahme bilden gealterte Jugendliche, die einen Surfladen, ein Hostel oder eine Kleiderstange betreiben. Einer sieht aus wie ein von der Karibik gestreifter Claude-Oliver Rudolph. Soundtechnisch tut man in Montanita so, als habe das Genre Reggae/Dub nichts Gescheiteteres hervorgebracht als Bob Marley. Hier kann man Surfen, Spanisch, tibetanische Massage und Zen lernen.
Mein Magen-Darm-Trakt hat drei Wochen lang wie der eines Schweines alles, was ich ihm zugemutet habe, anstandslos verdaut. Nun zeigt auch er kleine Schwächen, was vermutlich mit dem Eis unbekannter Herkunft in den Fruchtsäften zu tun hat. Ich kuriere ihn mit kleinen Schlücken Cola.
Beim Abendessen posieren hintereinander alle Wildhunde Montanitas neben meinem Tisch. Einer legt sogar beharrlich seine Schnauze auf meine Schenkel und schaut mich treuherzig an. Irgendwie sind abends viel weniger Leute unterwegs als tagsüber. Die Bars überbieten sich in sinnloser Lautstärke. Auch Kräuterkuren riecht man höchstens verstohlen aus Hinterhöfen. Am interessantesten ist noch ein Zwist zwischen den Straßenkötern.
45 Minuten Busfahrt sollen mich ins Hippiedorf Montanita bringen. Es fahren allerdings nur Einheimische mit. Und die sehen nach vielem aus, aber nicht nach Hippiebewegung. Wo hinter Porto Lopez zum ersten mal wieder Meer zu sehen ist, steht ein Bauwerk aus Sandstein, das Friedensreich Hundertwasser gebaut haben könnte, würden nicht die Farben fehlen.
Nach einer guten Stunde lasse ich die Hotels im kondensierten Zentrum Montanitas hinter mir, gehe einmal um die Ecke, ein Stück den Strand lang und buche mich im "Hostel las Palmeras" zehn Meter vom Meer entfernt ein.
Ich setze mich in eines der mehrstöckigen Bambuslokale, bei denen aus jeder Ebene trockenes Schilf herunterhängt, und prüfe die Lage. Ein Heranwachsender trägt, dem milden Klima angepasst, die Hosen auf Halbmast. Dafür hat er eine Wollmütze über den Kopf gezogen. Bei Anderen ergeben die Haare selbst eine Solche. Kleingastrounternehmer stellen auf ehemals azurrblaunen Schubkarren mit bunten Sonnenschirmen Salate zusammen. Ihre Würzsoßen hätte man andernorts nach Augenschein weggeworfen. Einer schlägt eine große Muschel an einem durchschnittlich schmutzigen Pflasterstein auf und füllt ihr Fleisch in eine Schüssel. Fliegen zeigen Interesse. Gegenüber lassen Jungs mit nabelfreien Shirts ihre Filzlocken neu eindrehen. Ein Vierzigjähriger ohne Oberbekleidung schlendert mit einem Vierzehnjährigen im Arm die Straße herunter. Gutgewachsene Mädels mit großen Sonnengläsern tragen frischwerworbenen Kunstschmuck spazieren. Ein Herr mit Adlernase hält eine Hängematte hoch. Wenn er "Taxi" rufen würde, würde es mich nicht wundern. Das Ganze findet auf einem Viertelquadratkilometer statt.
Nachmittags sehe ich einem Wahl-Jamaikaner beim Flechten von Stirnbändern zu. Die Zeit wird ihm durch die minütlich vorbeikommenden Bekannten weiblicher Herkunft verkürzt, die es ausgiebig zu begrüßen gilt. Interessanterweise ist nicht immer auszumachen, wie lange die Leute hier schon hängengeblieben sind. Die Ausnahme bilden gealterte Jugendliche, die einen Surfladen, ein Hostel oder eine Kleiderstange betreiben. Einer sieht aus wie ein von der Karibik gestreifter Claude-Oliver Rudolph. Soundtechnisch tut man in Montanita so, als habe das Genre Reggae/Dub nichts Gescheiteteres hervorgebracht als Bob Marley. Hier kann man Surfen, Spanisch, tibetanische Massage und Zen lernen.
Mein Magen-Darm-Trakt hat drei Wochen lang wie der eines Schweines alles, was ich ihm zugemutet habe, anstandslos verdaut. Nun zeigt auch er kleine Schwächen, was vermutlich mit dem Eis unbekannter Herkunft in den Fruchtsäften zu tun hat. Ich kuriere ihn mit kleinen Schlücken Cola.
Beim Abendessen posieren hintereinander alle Wildhunde Montanitas neben meinem Tisch. Einer legt sogar beharrlich seine Schnauze auf meine Schenkel und schaut mich treuherzig an. Irgendwie sind abends viel weniger Leute unterwegs als tagsüber. Die Bars überbieten sich in sinnloser Lautstärke. Auch Kräuterkuren riecht man höchstens verstohlen aus Hinterhöfen. Am interessantesten ist noch ein Zwist zwischen den Straßenkötern.
Mittwoch, 20. August 2008
Montanita II
War Montanita gestern abend leer, so ist es heute morgen tot. Allerdings mag ich die Nachsaisonathmosphäre solcher Orte. Wer von jedem einzelnen Touristen leben muss, vertreibt sich die Zeit, indem er die Straße fegt, Surfboards vor dem Laden parallel ausrichtet oder ohnehin nicht gebrauchte Gläser poliert. Einer sitzt auf der Bordsteinkante, schwätzt mit ein paar Kollegen und hat aus unerfindlichen Gründen eine kapitale Python um den Hals hängen. Junge Menschen, die ich für Touristen hielt, verdingen sich als Bedienungen oder Betreuer von Internet-Terminals. Oder sie sind durch das Schieben von Kinderwägen als Ansässige zu erkennen. Der ganze Ort lebt offenbar vom Halligalli am Wochenende.
Nachmittags vergnügen sich diese Leute selbst mit Dingen wie Surfen oder Volleyball, mit denen sie eigentlich ihr Geld verdienen sollten. Ein 40jähriger Eddy Van Halen lustwandelt mit seiner Fender den Strand entlang. Irgendwo muss er Verstärker und Verzerrer versteckt haben. Es klingt, als wären LSD und Bands wie "The Cream" nie aus der Mode gekommen. Dann Sturmwarnung. Endgültig Zeit für die Montaniter, die Sofas ihrer Lokale zu schrubben, und manchem Laden einen neuen Anstrich zu verpassen. Die Python hängt inzwischen einem Mädel um den Hals.
Nachmittags stelle ich fest, dass der "Sprachführer Spanisch" der Firma Langenscheidt einen ziemlich effektiven Grammatikabriss enthält. Das hätte ich mal früher merken sollen. Abends sind einige neue Anhänger des leichten Lebens aufgetaucht. Die Kirche, vorher voll von Baugerüsten, wird wiedereröffnet. Aus dem "Cafe Insomniac" klingt eine Reggaeversion von "Stairway To Heaven". In einer anderen Bar zeigen sie ein Konzert der Gypsy Kings, die bekanntlich kein Klischee lateinamerikanischer Musik ausgelassen haben. Wieder haben die Straßenhunde bei der Abendunterhaltung eine Nasenspitze vorn.
Nachmittags vergnügen sich diese Leute selbst mit Dingen wie Surfen oder Volleyball, mit denen sie eigentlich ihr Geld verdienen sollten. Ein 40jähriger Eddy Van Halen lustwandelt mit seiner Fender den Strand entlang. Irgendwo muss er Verstärker und Verzerrer versteckt haben. Es klingt, als wären LSD und Bands wie "The Cream" nie aus der Mode gekommen. Dann Sturmwarnung. Endgültig Zeit für die Montaniter, die Sofas ihrer Lokale zu schrubben, und manchem Laden einen neuen Anstrich zu verpassen. Die Python hängt inzwischen einem Mädel um den Hals.
Nachmittags stelle ich fest, dass der "Sprachführer Spanisch" der Firma Langenscheidt einen ziemlich effektiven Grammatikabriss enthält. Das hätte ich mal früher merken sollen. Abends sind einige neue Anhänger des leichten Lebens aufgetaucht. Die Kirche, vorher voll von Baugerüsten, wird wiedereröffnet. Aus dem "Cafe Insomniac" klingt eine Reggaeversion von "Stairway To Heaven". In einer anderen Bar zeigen sie ein Konzert der Gypsy Kings, die bekanntlich kein Klischee lateinamerikanischer Musik ausgelassen haben. Wieder haben die Straßenhunde bei der Abendunterhaltung eine Nasenspitze vorn.
Dienstag, 19. August 2008
Portoviejo
Morgens trinke ich einen Tee, der "Sweet Dreams" heißt. Doch auf der holprigen Busfahrt zurück nach Puerto Lopez ist an Schlafen nicht zu denken. Im Bus nach Portoviejo sind dann doppelt soviele Leute drin wie reinpassen. Ich stehe während der ersten Stunden, was aber bei dem Gerumpel kein Nachteil ist.
Portoviejo gefällt mir, denn hier scheint die Sonne. Allerdings besteht die Vorstadt nur aus Mechanikerwerkstätten und Krachfabriken. Diesmal führt mich mein Instinkt in die falsche Richtung, ich brauche ein Taxi in die Innenstadt. Das "Hotel Conquistador" muss ich dort allerdings selbst finden. Um sich Portoviejo vorzustellen, denke man an eine durchschnittlich scheußliche Großstadt in einem Entwicklungsland. Was das Chaos der Stromleitungen angeht, könnte man hier allerdings noch einiges von Delhi lernen. In einer Stunde habe ich weder einen vernünftigen Platz zu essen, noch ein geöffnetes Internetcafe gefunden. Dort, wo ich diese Zeilen schließlich tippe, konkurriert der Lärm hupender Autos und anderen Straßengeräusche mit dem Brausen einer vorsintflutlichen Klimanalage. Das Rauschen eines Radios geht völlig unter.
Ich lese, dass einer der Dresdner Couchsurfing-Gruppe vorschlägt, in Zukunft vor den Treffen gemeinsam Blut spenden zu gehen. Ein anderer meint, er sei Schamane, und rate ohne geistige Betreuung nicht zur Abgabe von Blut, da dieses ein Stück Seele beinhalte.
Abends trinke ich roten Melonensaft. Portoviejo präsentiert sich unverändert, nur dass die Stadt nun tot wie vom Vampir gebissen ist.
Portoviejo gefällt mir, denn hier scheint die Sonne. Allerdings besteht die Vorstadt nur aus Mechanikerwerkstätten und Krachfabriken. Diesmal führt mich mein Instinkt in die falsche Richtung, ich brauche ein Taxi in die Innenstadt. Das "Hotel Conquistador" muss ich dort allerdings selbst finden. Um sich Portoviejo vorzustellen, denke man an eine durchschnittlich scheußliche Großstadt in einem Entwicklungsland. Was das Chaos der Stromleitungen angeht, könnte man hier allerdings noch einiges von Delhi lernen. In einer Stunde habe ich weder einen vernünftigen Platz zu essen, noch ein geöffnetes Internetcafe gefunden. Dort, wo ich diese Zeilen schließlich tippe, konkurriert der Lärm hupender Autos und anderen Straßengeräusche mit dem Brausen einer vorsintflutlichen Klimanalage. Das Rauschen eines Radios geht völlig unter.
Ich lese, dass einer der Dresdner Couchsurfing-Gruppe vorschlägt, in Zukunft vor den Treffen gemeinsam Blut spenden zu gehen. Ein anderer meint, er sei Schamane, und rate ohne geistige Betreuung nicht zur Abgabe von Blut, da dieses ein Stück Seele beinhalte.
Abends trinke ich roten Melonensaft. Portoviejo präsentiert sich unverändert, nur dass die Stadt nun tot wie vom Vampir gebissen ist.
Montag, 18. August 2008
Zurück nach Quito
Die Nacht zerfiel in kleine Schlafetappen. Schlechte Luft, eine steinharte Matratze und das Fernsehprogramm des Zimmernachbarn trugen ihren Teil bei. Ich frühstücke an einem Plastiktisch vor einer der zwanzig Kleingastronomieboxen am Busbahnhof Portoviejos. Jeweils zwei Frauen wirbeln auf drei Quadratmetern mit Töpfen, Schüsseln und Messern.
Der Bus zurück nach Quito ist ein Luxusexemplar mit breiten und verstellbaren Sitzen. Einige Herren versuchen, ihre bunten Lotteriescheine loszuwerden. Ein omnipräsentes Phänomen, das ich erst jetzt erwähne.
Die Fahrt bietet nochmals eine schöne Zusammenfassung Ecuadors: Üppige Plantagen, lebhafte Staubstädte, Baumhäuser, Steinzerreibunsanlagen, malerische Wäscheleinen, hanebüchene Straßen, Volleyballnetze, mit den andere fischen würden, Reisfelder, Nebelküche, banale Latino-Klänge und wunderschöne Schluchten. Und wie immer betrachten Raubvögel das alles von oben. Es gibt einen Vortrag zu einem medizischen Wundermittel aus dem Busch, das für einen Dollar Diabetes, hohes Cholesterin, Menstruationsbeschwerden, Hautausdünstungen und Depressionen beseitigen soll. Ein junges Mädel bringt es fertig, dem halben Bus eine Kette mit Glasstein dran zu verkaufen.
In Quito finde ich ein passables Zimmer im "Hotel Galapagos" direkt am Flughafen. Ein schmuckloses Penthouse mit tollem Blick auf die Stadt. Allerdings hat die Sache mit dem Flughafen akustische Nachteile.
Der Bus zurück nach Quito ist ein Luxusexemplar mit breiten und verstellbaren Sitzen. Einige Herren versuchen, ihre bunten Lotteriescheine loszuwerden. Ein omnipräsentes Phänomen, das ich erst jetzt erwähne.
Die Fahrt bietet nochmals eine schöne Zusammenfassung Ecuadors: Üppige Plantagen, lebhafte Staubstädte, Baumhäuser, Steinzerreibunsanlagen, malerische Wäscheleinen, hanebüchene Straßen, Volleyballnetze, mit den andere fischen würden, Reisfelder, Nebelküche, banale Latino-Klänge und wunderschöne Schluchten. Und wie immer betrachten Raubvögel das alles von oben. Es gibt einen Vortrag zu einem medizischen Wundermittel aus dem Busch, das für einen Dollar Diabetes, hohes Cholesterin, Menstruationsbeschwerden, Hautausdünstungen und Depressionen beseitigen soll. Ein junges Mädel bringt es fertig, dem halben Bus eine Kette mit Glasstein dran zu verkaufen.
In Quito finde ich ein passables Zimmer im "Hotel Galapagos" direkt am Flughafen. Ein schmuckloses Penthouse mit tollem Blick auf die Stadt. Allerdings hat die Sache mit dem Flughafen akustische Nachteile.
Sonntag, 17. August 2008
Heimreise
Vorgestern nacht schwang der Boden meines Hotelzimmers in Quito mit jedem Auto mit, das die Straße entlangfuhr. Von den Flugzeugen gar nicht zu reden.
Am Flughafen sind noch $40,80 fällig (vier durchschnittliche ecuadorianische Tageslöhne). Auf meinen Wunsch, den Anschlussflug Amsterdam - München verfallen zu lassen (den hätte ich ohnehin nicht gebucht, wenn das online möglich gewesen wäre) heißt es, eine Umbuchung sei auf keinen Fall möglich, und ich solle doch in Amsterdam versuchen, mein Gepäck auszulösen. Souvenirläden verkaufen den in Wahrheit aus Eucador stammenden Panamahut. Bei dem redundanten Stopp auf dem Glutofen Bonaire (Niederländische Antillen) kann man tortengroße niederländische Käseräder ("Cheeses of the world") erwerben. Eine Frau in der "Smoking Lounge" hält in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ihren Säugling.
Auf dem Flug nach Amsterdam gibt's zum letzen Mal Bananen -- als getrocknete Scheiben auf einem kondensierten Schokokuchen. Um 4h 20 kommme ich in Amsterdam an. Nach drei Stunden hin und her ("Geht nicht", "Machen wir eigentlich nicht", "Da hätten die Kollegen in Quito einfach das Gepäck auf 'Amsterdam' umdeklarieren sollen") und Schnitzeljagd durch den Flughafen Schiphol ist es mir gelungen, mein Anschlussticket nach München der KLM zu schenken, und ich bin wieder in Besitz meines Rucksacks.
Dieses mal bekomme ich von Holland wenig mit, weil mich heftige Schlafattacken befallen.
Auf dem Hauptbahnhof in Dresden bietet der Stand "Schals der Welt" einige Exemplare, die mir seltsam südamerikanisch vorkommen. Zuhause erwartet mich eine Aufmerksamkeit von meinen Freunden Tanja und Dirk, denen ich meine Wohnung für ein Wochenende geliehen hatte: Eine Packung Tee der Sorte "Dschungelblüte". Wenn sich da nicht die Kreise schließen.
Ende
Am Flughafen sind noch $40,80 fällig (vier durchschnittliche ecuadorianische Tageslöhne). Auf meinen Wunsch, den Anschlussflug Amsterdam - München verfallen zu lassen (den hätte ich ohnehin nicht gebucht, wenn das online möglich gewesen wäre) heißt es, eine Umbuchung sei auf keinen Fall möglich, und ich solle doch in Amsterdam versuchen, mein Gepäck auszulösen. Souvenirläden verkaufen den in Wahrheit aus Eucador stammenden Panamahut. Bei dem redundanten Stopp auf dem Glutofen Bonaire (Niederländische Antillen) kann man tortengroße niederländische Käseräder ("Cheeses of the world") erwerben. Eine Frau in der "Smoking Lounge" hält in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ihren Säugling.
Auf dem Flug nach Amsterdam gibt's zum letzen Mal Bananen -- als getrocknete Scheiben auf einem kondensierten Schokokuchen. Um 4h 20 kommme ich in Amsterdam an. Nach drei Stunden hin und her ("Geht nicht", "Machen wir eigentlich nicht", "Da hätten die Kollegen in Quito einfach das Gepäck auf 'Amsterdam' umdeklarieren sollen") und Schnitzeljagd durch den Flughafen Schiphol ist es mir gelungen, mein Anschlussticket nach München der KLM zu schenken, und ich bin wieder in Besitz meines Rucksacks.
Dieses mal bekomme ich von Holland wenig mit, weil mich heftige Schlafattacken befallen.
Auf dem Hauptbahnhof in Dresden bietet der Stand "Schals der Welt" einige Exemplare, die mir seltsam südamerikanisch vorkommen. Zuhause erwartet mich eine Aufmerksamkeit von meinen Freunden Tanja und Dirk, denen ich meine Wohnung für ein Wochenende geliehen hatte: Eine Packung Tee der Sorte "Dschungelblüte". Wenn sich da nicht die Kreise schließen.
Ende
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